Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12


Haus zu Odensee.
Einfluß auf die Baukunst höher einzuschätzen, als es tatsäch-
lich ist, trieb dazu, z. B. Predigt- und Meßkirche als konfessio-
nelle Gegensätze aufzustellen, die gar keine solchen sind. Denn
auch in der katholischen Kirche haben wir die Predigt und
auch in der lutherischen den Altarkult.
Man muß sich vergegenwärtigen, daß das altchristliche
Kirchenideal den scharfen Unterschied zwischen Predigt- und
Meßkirche, wie er sich später herausbildete, noch nicht kannte.
Die Kirche war zunächst Sammelpunkt der Gemeinde.
Erst der römisch-katholische Kult mit seinen hierarchischen
Tendenzen rückte das Meßopfer in den Vordergrund; das
prunkvolle Hochamt entwickelte sich, bei dem die Gemeinde
mehr und mehr in eine passive Stellung zurückgedrängt wurde.
Der Klerus spielte die Hauptrolle. Die mächtigen mittelalter-
lichen Chöre mit ihrem prachtvollen Gestühl sind der typische
Ausdruck klerikalen Herrschertums. Die Geistlichkeit nimmt
den Herrensitz ein.
Im Gegensatz zu dem römisch-katholischen Priestertum
behaupteten sich in der Christenheit stets Elemente, die sich
mit mehr oder weniger Nachdruck zu dem schlichten evange-
lischen Geiste der vorkonstantinischen Kirche bekannten.
Es sind dies die zahlreichen weltlichen und geistlichen Brüder-
genossenschaften, die man von
Rom aus kurzweg als Häretiker
verdammte und meist mit ver¬
nichtender Grausamkeit ver¬
folgte, ausnahmsweise auch,
wie der weise Innocenz III. mit
Franz von Assisi und seinen
Anhängern tat, im Schoße der
Kirche behielt und für die römi¬
schen Interessen verwertete*).
Gerade die Franziskaner¬
orden waren es, die in ihren
Kirchen einen Bautypus schu¬
fen, der bereits in einen be¬
stimmten Gegensatz zu dem
trat, was man gemeinhin unter
dem spezifisch katholischen
Kirchenstile versteht. Ein Blick
auf die toskanischen und um-
brischen Franziskanerkirchen
des 13. und 14.Jahrhunderts**),
Taukreuzkirchen mit quadrati¬
schem, kleinem Chor, belehrt
uns, daß hier zu Gunsten der
Predigtkirche bereits die Über¬
windung des Chors begonnen
hat. Eine andre Form stellt sich
uns in den meist zweischiffigen
deutschen Bettelmönchkirchen
dar, in denen in ursprünglicher
*) Henry Thode, Franz von
Assisi. Grotes Verlag, Berlin. 2. Aufl.
**) Ebenda. Vergl. den Abschn.:
I. Teil, IV. Die Franziskanerkirchen
in Italien.
Haustür zu Aalborg.

Weise Predigt- und Meßkirche vereinigt ist.
— Die Kirchen dieser streng ihrem Armuts-
gelübde folgenden Orden halten also gewisser-
maßen dem von frühchristlichem Geiste sich
immer mehr entfernenden Klerikalismus der
großen Kathedralen Widerpart. Dagegen finden
wir von den andern vorreformatorischen Reform-
parteien, den Waldensern, Gottesfreunden, Arnol-
disten, böhmischen Brüdern u.a. im Kirchenbau
wenig direkte Spuren infolge der Verfolgungen,
denen diese Bruderschaften stets ausgesetzt
waren. Ihre Versammlungen fanden vielfach in
irgend einem beliebigen Hause statt, wo ein
»Bruder« wohnte, vielleicht auch in den Stuben
der Innungen, insbesondere der Bauhütten*).
Von letzteren ausgehend, könnte man wohl
einen indirekten Einfluß evangelischen Geistes
auf den Sakralbau annehmen, den nachzuwei-
sen aber schwierige Untersuchungen erfordern
würde, die über den Rahmen eines Aufsatzes
weit hinausgehen.
Vergegenwärtigen wir uns ferner kurz die
Entwicklung des Kirchenbaues überhaupt, ins-
besondere in Deutschland. Denn hier wurzeln,
gleichviel ob es sich nur um die spezifisch
katholische Kirche oder die in ihr fortwirkenden allgemein
christlichen, altevangelischen Tendenzen handelt, die Über-
lieferungen, auf denen sich der moderne Sakralstil aufbaut.
In den frühesten deutschen Kirchenbauten herrschen zwei
Grundrißformen: Langhaus- und Zentralbau. Im Anschluß an
San Vitale und das Grabmal Theodorichs in Ravenna entsteht
das Münster in Aachen. Am Niederrhein (Köln, Schwarzrhein-
dorf) erhält sich in der romanischen Epoche bis in den Über-
gangsstil hinein das zentrale System als leitender Baugedanke;
doch bleibt diese byzantinische Nachwirkung örtlich beschränkt.
Schon im 10. Jahrhundert geht man im übrigen Deutschland
zur Basilika über. Die großen Kirchenbauten der Sachsen-
kaiser werden zum Vorbild, und von da an herrscht durch
das ganze Mittelalter die Lang-
hausanlage.
Das lö.Jahrhundert bringt
neue Grundrißformen. Aus
Dorfkirchen und Schloßkapel-
len entwickelt sich ein neuer
Stil, der wieder nach zentra-
ler Anlage strebt. Ein hervor-
ragendes Beispiel ist die Schloß-
kapelle in Stuttgart 1553 — 60,
wo wir bereits die später in
den Niederlanden auftauchende
Anlage der Querkirche finden.
Damit beginnt der evangeli-
sche Kirchenbau, der sich im
17. und 18. Jahrhundert ent-
wickelt.
Die Neigung zum Zentral-
bau tritt jedoch früher als bei
den Baumeistern der reforma-
tionsfreundlichen deutschen
Fürsten in Italien auf. Schon
Alberti entwarf im Auftrag Ni-
kolausV. einen zentralen Grund-
riß für den Bau von St. Peter.
Als Fortsetzung dieser Idee er-
scheint Michelangelos Kuppel.
Sie fordert geradezu zur Da-
seinsberechtigung den zentra-
len Grundriß. Die Barockzeit
gestaltet diesen Gedanken zum
Problem. Ein beständiges Hin-
*) L. Keller, Die Reformation
und die älteren Reformparteien, 1885.




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