Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 23.1907

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1907

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 12


Vierte evangelische Kirche in Wiesbaden.

Architekt: Professor Fr. Pützer
in Darmstadt.

erinnernd, überspannt den Raum. An den beiden Stirnseiten
legt sich je ein Quadrat an, im Osten für die Orgel- und Sänger-
bühne mit Altar und Kanzel davor, im Westen für die Tauf-
kapelle und (im Obergeschoß darüber) den Gemeindesaal. Der
Eingang durch die Taufkapelle ist der Haupteingang zur Kirche.
Die ovale Anlage des Innenraums geht unmittelbar auf
den ausklingenden Barock zurück, z. B. den ganz verwandten
Grundriß der Ägidienkirche in Nürnberg (1711—18). Auch
dort mündet der ovale Raum in östlich und westlich vorgelegte
Quadrate. Aus dem 18. Jahrhundert haben wir ja auch vielfach
den ovalen Emporeneinbau (Annenkirche Dresden, Pfarrkirche
Rüsselsheim i. H.), die ausklingende Schwingung der barocken
Linie. In dem Pützerschen Entwurf ist diese Linie fest in den

Grundriß verarbeitet. Der deutsche Barock erweist sich eben
als durchaus wesentlich für die Moderne. Freilich darf die

Anwendung von älteren Stilformen nie zur Nachahmung werden.
Im Äußeren tritt das Aufstreben mehr hervor. Erinnerungen
an die reformierte Kirche in Hanau (1622 und 1654) sind hier
ohne Aufdringlichkeit festgehalten; gotische Überlieferungen
mit dem aus andersgeartetem Grundriß entstandenen Baukörper
verschmolzen. An der Nordostecke erweckt der dort vor-

springende Strebepfeiler die Täuschung eines gotischen Chor¬



schlusses, während an
der rechtwinklig ge-
schlossenen Ostfront
durch die Anwendung
von Blendbögen der
gotische Charakter im
allgemeinen festgehal-
ten ist.
Der Entwurf zeigt
so die freie Verwen-
dung des alten Stils
durch Auslösung des-
sen, was für die Ge-
genwart brauchbar er-
scheint;anderseits lehrt
er, wie für den aus-
geprägt evangelischen
Kirchenbau die Heran-
ziehung älterer Stile
durchaus sinngemäß

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Vierte evangelische Kirche in Wiesbaden.

Architekt: Professor Fr. Pützer
in Darmstadt.

ist, sofern nur das spezifisch Katholische ausgeschieden wird.
— Der einzige Vorwurf, der gegen das Projekt erhoben werden
könnte, ist der der energischen Stellungnahme gegen den Chor.
Die Chorfrage hat im letzten Jahrhundert die Gemüter
mancher evangelischer Pastoren und Baumeister erhitzt und in
den evangelischen Kreisen heftige Stürme heraufbeschworen.
Man konstruierte polare Gegensätze zwischen der reformierten
und lutherischen Kirche, die tatsächlich in dem Maße gar nicht
bestehen.
Die Erregung mag insofern fruchtbar gewesen sein, als
sie in allen Lagern zu ernstem Nachdenken zwang. Richtig
ist, daß sowohl das Wiesbadener als das amerikanische Drei-
wertsystem auf den Grundgedanken der reformierten Kirche
fußt. Aber weshalb sollten diese deshalb für die lutherische
Kirche unannehmbar sein? Dann wäre doch viel mehr Grund,
dies und das abzulehnen, weil es auch in der katholischen
Kirche Anwendung findet. Von diesem Standpunkt aus wäre
jede Versöhnung und Verständigung ausgeschlossen. Kann
doch für die lutherische Kirche kein Stil vom Himmel fallen.
Bei ruhiger Überlegung wird man immer wieder zu dem
Ergebnis kommen, daß in diesen Fragen eben nicht das Kon-

Vierte evangelische Kirche in Wiesbaden. Architekt: Professor Fr. Pützei
in Darmstadt,


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