Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 25.1909

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1909

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Heft 6

Arbeiterkolonie Einswarden. Architekten’: H. Wagner, Lotz & Schacht in Bremen.


jahrein mit der Schutzmarke »moderne Kunst* gegeben
wurde, ist doch im Grunde auch nichts weiter ge-
wesen, als je eine verschiedentlich variierte Sonder-
leistung biedermeierisch-eklektischer Art, woran auch
die zeitweise »englische« Ablösung nicht viel änderte;
eine Sache mit seltsam beschaulichem Einschläge in
unserm sonst von so ganz andern Impulsen erfüllten
Zeitalter, gänzlich unstimmig zum inneren Gehalt einer
wirtschaftlich und wissenschaftlich unrastigen Zeit, die
obendrein zwischen den denkbar verschiedensten Philo-
sophemen pendelt!
Und doch darf der wahre Nutzen dieser eigentlich
seltsamen und nur durch ein tatsächliches Ruhebedürf-
nis innerlich erklärbaren Anwandlung keineswegs ver-
kannt werden. Waren das doch die ersten Regungen
einer aus den wissenschaftlichen Schemen wieder
herauswollenden Stimmungskunst; freilich einer ziem-
lich wahllos angewendeten, wenn man bedenkt, daß
dabei sogar Fabrikgebäude genau ebenso angebiedert
wurden, wie Villen, Pfarrhäuser und Rathausbauten.. . .
Nie hat man in der Baukunst vielleicht größere Dis-
sonanzen erlebt zwischen der wirklichen Psychologie

über bedeutet der gehobene (vorwaltend Biedermeier-) Eklek-
tizismus denn doch schon einen ganz wesentlichen Fortschritt.
Jeder weiß, wie das seinerzeit anhob. Der Grundgedanke dieser

der Bauwerke und ihrem Ausdruck! Aber es ist doch ein
glücklicher Zufall gewesen, daß eben diese neue Stiluniform
zeitlich fast zusammentraf mit dem Aufschwung des Eisenstils,

Arbeiterkolonie Einswarden.

und daß sich hier in dem Eisen-
material mit ungestümer Kraft
neue Bildungsgesetze und ästhe-
tische Überzeugungen durch-
setzten, die auf dem natürlichen
Nacktseinwollen des Materials
beruhten. Wie konnte es anders
kommen, als daß diese Über-
zeugungen sich ungewollt auch
auf vieles andre, zunächst in
das Kunstgewerbliche, und über
dieses auch in den Wohnbau
und in die Hausausstattung ver-
pflanzten? Auch die Fassaden
blieben bald von dem Einfluß
nicht mehr verschont. Wir
wissen, wie nun ein Gesims
nach dem andern verschwand,
wie man die Verdachungen
von den Türen herunterriß, die
Stuckfriese beseitigte, und ge-
radezu ein Bildersturm sich ge-
gen die ornamentbesäten Flächen
richtete.
Stichworte geformt, die seither

So waren denn bald die
einen ganz neuen Abschnitt der bildenden Kunst kennzeichnen
sollten: Zweck, Material, Geschmack. Das Ganze läßt
sich dabei gut an. Die Zinkornament- und Gipsgußmagazine
gehen ein; die kunstgewerbliche Werkstättenindustrie aber ist

Bewegung war anscheinend
ganz logisch und einleuchtend.
Man sagte etwa so: »In unsern
deutschen Landen hat es von
alters her eine jeweils zur Kul¬
turentwicklung sehr getreu in
Beziehung gesetzte Baukunst
gegeben, welche sich — ob¬
schon äußeren Einflüssen und
Antrieben nachgebend — stetig
und geschlossen heraufent¬
wickelte, immer im Geiste der
ganzen Nation, immer von Etappe
zu Etappe sich folgerichtig aus¬
gestaltend. Jede absterbende
Kunstperiode trug schon wieder
den Keim in sich zur nächst¬
folgenden. So vom karolingischen
her zum früh- und spätromani¬
schen, früh- und spätgotischen
und so fort bis zum Barockstil
hinaus. Dann kam der nüchterne
wissenschaftliche Geist über die
Kunst, die Kunstgeschichtsfor-
schung und das Vorbildertum, wo nun, angetrieben und genährt
von der Entdeckerfreude der Kunsthistoriker, jenes fatale Stil-
gebaren einsetzte, von dem oben die Rede war. Und so
sagten nun die solchem Kopistenwesen Entgegenstrebenden
weiter ganz richtig: »Wenn doch also von alters her bis zum
18. Jahrhundert hin ein sicherer Entwicklungsfaden
durch die Kunst ging, der erst hinter dem Biedermeier-
stil zerfaserte — wohlan, so knüpfe man doch bei dieser
Zerfaserungsstelle wieder an und spinne von da aus
den alten Entwicklungsfaden weiter.« Das klingt be¬
stechend, hatte aber doch im Nachsatz ein schweres {
Bedenken. Zwischen jenem Zeitpunkte der Stilzer¬
faserung und dem Heute liegt nun doch, erfüllt
tausend Erfindungen, vom Industrieaufschwung,
der Reichsbegründung, der Sozialgesetzgebung,
großen religiösen, schöngeistigen, musikalischen und
philosophischen Umwälzungen, ein charakteristisches
Zeitalter, über das hinweg sich aus jenen beschaulichen
Zeiten her der Faden einfach nicht ziehen lassen will.
Wir wissen, daß es trotzdem gewaltsam geschah, und
wie es weiter kam. Wir haben die moderne Bieder- i
meierei erlebt und teilweise stehen wir noch mitten
darin. Das meiste von all dem, was uns da jahraus,
Arbeiterkolonie Einswarden.





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