Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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1911, 1.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 7.


beeinträchtigt, auch nicht durch das hier und da bemerkbare
Zuviel, das — leicht erklärlich — aus dem Bestreben hervor-
gegangen ist, keine Gelegenheit zur Bemalung vorüber zu
lassen.
Je mehr man daran denkt, Raum und Möbel einheitlich zu
bemalen, desto genauer muß man sich die Aufgaben und Grenzen
solcher Bemalung vor Augen halten. Selbstverständlich soll
der Stubenmaler nicht Tapeten und Wandstoffe nachahmen und
wohl gar solche vorgetäuschte Wandbespannung mit aufgelegten
Goldleisten einfassen. Er hat genug eigene Ausdrucksweisen
und außerdem weit größere und wohlfeilere Freiheit in Wechsel
und Rhythmus als der Tapezierer. Diese muß er vor allem
richtig und im vollen Umfang anwenden lernen, wenn er den
Raum nicht nur einfärben, sondern selbständig künstlerisch
ausschmücken will.
Ob die Wandflächen durch die erwähnten Maltechniken
oder durch Ornament irgendwelcher Art belebt werden, ist an
sich ganz gleichgültig gegenüber dem Rhythmus, der daraus in
der Fläche entsteht, und gegenüber der Flächenteilung, welche
den Raum nicht als bunte Kiste, sondern als organisch ge-
gliedertes Kunstwerk erscheinen läßt. Ohne solches architek-
tonisches Empfinden muß auch die beste Malerarbeit versagen,
sobald sie in größerem Umfange selbständig aufzutreten ver-
sucht. Das beweisen einige
werte, in der Flächenteilung
und Anordnung der Orna¬
menteinfassungen usw. aber
verfehlte Räume ebenso deut¬
lich wie das hauptsächlich
durch seine strenge Felder¬
teilung wirkende Konferenz¬
zimmer einer Studien¬
anstalt von Karl und Josef
Leipfinger. Vor allem aber
ist der vornehme Emp¬
fangsraum eines Ge¬
sandten von Fuchs und
Kiesgen (S. 6), der nach
einer Idee Gabriel von
Seidls ausgeführt an beste
alte Vorbilder anklingt, eine
glänzende architektonisch-ma¬
lerische Leistung.
Die in Altrosa und Dunkel¬
grau auf gelblichem Stoff senk¬
recht gestreiften Wände sind
durch breite pilasterartige
Streifen mit dunklenMedaillons
und grünem Pflanzenwerk auf
hellerem Grunde gegliedert.
Die in Weiß und Gold ge¬
haltenen Türen stehen mit
ihren von vergoldeten Laub¬
gewinden umrahmten oberen
Medaillons auf tief rotbraunem
Grunde. Goldleisten um¬
rahmen die einzelnen Felder.
Die im Empirestil gehaltenen
Möbel sind teils aus Poli-
sander mit gelben Seiden¬
bezügen, teils aus Mahagoni
mit gelb-rotem Seidenstoff, die
Spiegel hellfarbig mit Gold.
Gut gegliedert ist auch
das von Fuchs und Kies gen
ausgestellte Frühstückszim¬
mer (Tafel 7). Die Wände
sind bis zur Türhöhe grau und
mit breitem Blumenfries in leb¬
haften Farben eingefaßt, der
schabloniert und sehr ge¬
schickt mit Hand übermalt ist,
so daß die Wiederholungen

völlig zurücktreten. Davor stehen die von H. M. Röckl ent-
worfenen Möbel in kräftigem Rot, mit Schwarz abgesetzt und
mit grünen Lederpolstern auf den Sitzen, und der behäbige
grün-weiße Ofen.
In der Teestube von Hofdekorationsmaler HansUrbanisch
sind die unteren Wandflächen einheitlich in kräftigem Gelb mit
dunkleren senkrechten Streifen gehalten, die oberen, in Felder
geteilt, in Blau und Grün mit weißen Punkten, dazwischen an-
mutige buntfarbige Figurenstücke; die Bezüge der weißlackierten
Möbel sind ebenfalls blau, grün und weiß gemustert. Der
einfache große Kamin ist aus prächtig tiefblauen Kacheln auf-
gebaut. Auch hier ist eine einheitliche künstlerische Wirkung
und Stimmung erzielt.
Aber nicht überall ist die Wand- und Deckeneinteilung ge-
lungen: Teils vermißt man an entscheidenden Übergängen die
befriedigende Lösung, teils wird der an sich ansprechende
Rhythmus breiter Streifenteilung durch dazwischen gesetzte Or-
namente gestört.
Kleine Räume, die nur geringe Wandflächen bieten, sind
mehrfach sehr geschickt ausgemalt. Ein Beispiel verständnis-
voller, anspruchslos traulicher Wandbemalung mit grünem Efeu-
gerank gibt das Fremdenzimmer von Hans Urbanisch
(Tafel 7), mit dem nach Emanuel von Seidls Entwurf vor-
bildlich einfach und zweckentsprechend gestalteten und reizvoll

Entworfen und ausgeführt von Malermeister Hans Urbanisch.
Möbel entwoifen von Hessemer & Schmidt, Architekten.

in der Ausführung anerkennens-

Ausstellung bemalter Wohn räume München 1910.
Teestube.
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