Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 20.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 2.


800 Besucher fassenden Zuschauerraum die von ihm schon vor Jahren er-
probte Saalform mit zwei Rängen. Die Garderoben befinden sich im Parterre
und ersten Rang an den Längsseiten des Zuschauerraums; im ersten Ober-
geschoß bietet ein großer Erfrischungsraum den Besuchern in den Pausen
Gelegenheit zu Erquickung und gesellschaftlichem Verkehr. Das versenkte
Orchester hat Raum für 36 Musiker. Das Bühnenhaus enthält eine Bühne
von 18 m Breite und 12 m Tiefe bei einer Proszeniumsöffnung von 9 m.
Auf spätere Anfügung einer Hinterbühne ist Bedacht genommen. Magazine
und Künstlergarderoben für 132 Personen befinden sich zu beiden Seiten
der Bühne. Die maschinelle Einrichtung ermöglicht die Erfüllung eines der
Bedeutung des Theaters entsprechenden Repertoires. Die Bühne sowie alle
Nebenräume auch des Zuschauerhauses werden durch Niederdruckdampf-
heizung, der Zuschauerraum selbst durch Dampfluftheizung erwärmt. Die
elektrische Beleuchtung liefert das Elektrizitätswerk Hildesheim. Ein
eiserner Vorhang, Regenapparat und zahlreiche Hydranten sorgen für die
Sicherheit der Besucher. Da künstlerische Wirkung ohne großen Auf-
wand erzielt werden mußte, wurde in erster Linie bei der Ausgestaltung
der Räume die Farbe herangezogen. Namentlich der Zuschauerraum
macht durch fein abgewogene farbige Zusammenstimmung einen präch-
tigen und harmonischen Eindruck. Die Wände zeigen als Grundton ein
sattes Gelb, dem Altgold ähnlich, das an den Rückwänden der beiden
Ränge rein und ungebrochen erscheint. Auf den Seitenwänden wurden
auf diesen Grund lichtgraue Ornamentstreifen aufschabloniert. Türen, Rang-
brüstungen und Proszenium sind grau, zum Teil sparsam mit silberner
Ornamentierung gehöht. Das plastisch schattierte, gemalte Ornament der
Decke umrahmt eine große Mittelkassette, die in tiefem, stumpfem Blau
den gestirnten Himmel zeigt. Der dunkelgrüne Stoffvorhang erhielt künst-
lerischen Schmuck durch Stickerei und Applikation. Die Parkettsitze sind
aus dunkelgebeiztem Ahorn mit dunkelgrünem Stoffbezug. Die Aus-
führung des Baues geschah durch die Firma Heilmann & Littmann,'
G. m. b. H., in München in Verbindung mit zumeist in Hildesheim an-
sässigen Gewerbetreibenden und einzelnen Firmen in München, Hannover
und Bielefeld. Begonnen wurde am 1. September 1908; die Fertigstellung
erfolgte pünktlich zur vertragsmäßig festgesetzten Zeit am 15. September


Neues Stadttheater in Hildesheim.
Zuschauerraum.

Architekt: Professor Max Littmann
in München.

Das neue Stadttheater in Hildesheim.

Architekt: Professor Max Littmann in München (zu Tafel 13).
Im Knaupschen Garten, der seit langem t
Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens der £
Stadt ist, erhebt sich im Schatten alter Bäume, 3
entfernt vom Lärm und Treiben der sich ent¬
wickelnden Industriestadt der schlichte Monu¬
mentalbau, umgeben von drei älteren Saal¬
bauten, die mit ihm bei größeren Festlich¬
keiten in Verbindung gesetzt werden können.
„Die äußere Erscheinung des Baues wird
durch die gärtnerischen Anlagen zweifellos
gesteigert,“ sagt der Erbauer in einer zur
Eröffnung des Theaters herausgegebenen
kleinen Denkschrift. „Was die Fassade an
Fernwirkung nicht haben kann, das mußte
sie an Reizen der Stille und Intimität erhalten.
Es wurde auf den Eindruck eines intimen
Parktheaters hingearbeitet, eine Wirkung, die
zu erreichen man sich oft mit größtem Auf¬
wand bemüht hat, während hier die nötigen Bedingungen von vornherein
gegeben waren.“ Da die Raumabmessungen des Theaters immerhin in be-
scheidenen Grenzen gehalten werden mußten, wählte der Erbauer für den

1909. Die Baukosten einschließlich innerer Einrichtung betrugen rund
M. 476000, das heißt M. 22.40 für den cbm umbauten Raumes. F. W.
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