Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 22.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 2.

führung nicht zu übertragen, so sehe man dafür im voraus eine be-
sondere (Zusatz-) Entschädigung vor, deren Betrag von dem Aus-
führungshonorar des anderweit Erwählten gekürzt werden könnte.
Der erste Preis sollte bei einer im voraus festzusetzenden
Mindestzahl von eingehenden Entwürfen unter allen Umständen
erteilt werden. Der bequeme Kompromißausweg, statt eines
ersten mehrere gleiche zweite Preise zu verteilen, bestärkt auch
die Bauämter weiter in der Annahme, nunmehr allein zur Auf-
stellung des endgültigen Ausführungsentwurfes berufen zu sein.
Um die Verfasser gegen die Benutzung ihrer Ideen bei
solchen „Bearbeitungen“ zu schützen, empfiehlt Berichterstatter,
den in den österreichischen Grundsätzen für das Verfahren bei
Wettbewerben eingefügten Ohmannschen Satz aufzunehmen:
„Für den Fall, daß bei der Ausführung charakteristische Ideen
eines der preisgekrönten oder angekauften Projekte verwendet
werden, wird der Verfasser hierfür nach dem Honorartarife des
Österreichischen Architekten- und Ingenieurvereins entschädigt.
Im Falle, daß keine Vereinbarung zustande kommt, entscheidet
über die Höhe der Entschädigung endgültig das Schiedsgericht
des Österreichischen Architekten- und Ingenieurvereins, dessen
Schiedsspruch auch alle sonstigen aus diesem Preisausschreiben
etwa entstehenden Streitfälle unter Ausschluß jedes weiteren
Rechtszuges unterworfen sind.“
Aber die besten Bestimmungen und Bedingungen des
Programms bringen allein keine Abhilfe, wenn nicht auch in
der Zusammensetzung der Preisgerichte die bisherigen Mißstände
vermieden werden. Mit dankenswerter Deutlichkeit betonte
Berichterstatter, daß in den Preisgerichten eben nur für die besten
Kräfte Platz sein soll, die selbst durch hervorragendes Können
sich das allgemeine Vertrauen erworben haben. Aber große
Namen tun es nicht allein, ihre Träger müssen auch bereit

Kindergrabmal, Architekt: Professor Eugen Beck
ausgeführt in Muschelkalkstein. in Karlsruhe i. B.


Von der Ausstellung der Vereinigung Karlsruher Architekten.


Studie.

Architekt: Adam Zippelius, B.D.A.,
in Karlsruhe i. B.

Von der Ausstellung der Vereinigung Karlsruher Architekten.

sein, die für eine eingehende Prüfung der Entwürfe notwendigen
erheblichen Opfer an Zeit und Arbeit zu bringen, und sie müssen
genügend freien Blick und Selbstverleugnung besitzen, um alles
gesunde Wachstum, gute Ideen und Formen auch dann heraus-
zufinden und anzuerkennen und für deren Urheber einzu-
stehen, wenn sie nicht mit der eigenen persönlichen Rich-
tung oder dem in Mode stehenden oder vom Bauherrn
beliebten Geschmack übereinstimmen.
Leider ist jetzt eine für die künstlerische Entwicklung ent-
schieden ungünstige Monopolisierung des Preisrichterwesens in
dem Sinne zu beklagen, daß von einigen vorzugsweise berufenen
Preisrichtern stets der persönliche Geschmack, ihre Schule und ihre
Anhänger ausschließlich in den Vordergrund gestellt werden, so
daß oft schon die Namen der Preisrichter dem Eingeweihten das
Ergebnis voraussagen und so viele künstlerisch Selbständige von
der Teilnahme abgehalten, weit mehr weniger Überzeugungsfeste
aber zu einer anschmiegenden Selbstverleugnung verführt werden,
zu einer Unterordnung der Überzeugung unter das Streben nach
Erfolg, die für die Kunst schweren Schaden bringen muß.
Deshalb beantragt Berichterstatter, übereinstimmend mit
unseren Ausführungen in Heft 11 vorigen Jahrgangs, eine Be-
ratungsstelle für das Wettbewerbswesen einzusetzen, die
den Privatarchitekten, welche den weitaus größten Anteil an den
Wettbewerben nehmen, einen entsprechenden Einfluß auf die
Abfassung bezw. rechtzeitige Abänderung der Bedingungen und
auf die Wahl der Preisrichter sichert. Durch die Wahl möglichst
entgegengesetzter künstlerischer Persönlichkeiten zu Preisrichtern
wäre einer vorherrschenden Cliquenbildung wirksam vorzubeugen.
Ferner schlägt Berichterstatter vor, auch Bildhauer, Maler und
Gartenkünstler in die Preisgerichte zu berufen, was für die Er-
weiterung der Gesichtspunkte und für das Ergebnis manches
auf alle Kunstgebiete hinübergreifenden Wettbewerbs sicher von
Vorteil wäre, zugleich aber auch vielfache Anregung zu besserem
gegenseitigem Verständnis und Zusammenarbeiten geben würde.
Der Berichterstatter beantragte schließlich: „Der Bund Deutscher
Architekten möge neue, für das gesamte Gebiet der künstleri-
schen Wettbewerbe gültige Grundsätze sowie eine Beratungs-
stelle für künstlerisches Wettbewerbswesen in Gemein-
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