Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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1911, 3.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 31.

Zierstücken aus gebranntem Ton
bildet auch die Grundlage für die
Ausbildung des Feuerwachgebäudes
in der Schönlankerstraße. Sie ist hier,
wie Tafel 22 zeigt, durch die Ein-
führung gemauerter Pfeilergliede-
rungen lebhafter gestaltet und durch
reichere Abstufung in der Größe der
Schmuckstücke, sowie durch ihre
Verbindung mit Giebeln und Ge-
simswerk zu ganz anderer, den Ver-
hältnissen des Baues entsprechender,
zierlicherer Wirkung gebracht wor-
den. So geben die beiden bespro-
chenen Bauten neben ihrer künst-
lerischen Anregung zugleich einen
guten Hinweis darauf, wie schmieg-
sam sich ein frei behandelter Back-
steinbau in der Hand des Künst-
lers erweisen kann. O. Stiehl.


Terrakotten von den Schulbauten Ecke Pank-
und Böttcherstraße in Berlin.

Architekt: Stadtbaurat Dr.-Ing. Ludwig Hoffmann in Berlin.
Bildhauer: Professor Georg Wrba in Dresden.

Der Wettbewerb um Entwürfe für die Markthalle in Stuttgart.

Hierzu Tafel 21.

Zwischen dem malerischen Gewinkel der den Stuttgarter
Marktplatz umschließenden Altstadt und dem massigen
Monumentalbau des Alten Schlosses, zwischen der steil über
eine Talsenkung emporwachsenden Stiftskirche und einigen
großzügigen Staatsgebäuden liegt die 1864 erbaute, gußeiserne
Markthalle, trotz ihrer Schwächen ein interessanter Zeuge aus
jener Zeit tastender Versuche mit Eisenkonstruktionen.
Es ließ sich denn auch kaum eine verlockendere Aufgabe
denken, als in diese Umgebung, die jeden mit offenen Sinnen
Begabten zu wärmster Begeisterung zwingt, ein neues Gebäude
zu schaffen. Die Beteiligung der Stuttgarter und in Stuttgart
geborenen Architekten (auf die der Wettbewerb beschränkt war)
an dem am 1. Oktober d. J. abgelaufenen Preisausschreiben war
naturgemäß sehr groß (76 Entwürfe); und nichts kann den Auf-
schwung, den die Architektur als Kunst seit den Tagen der
ersten Markthalle genommen, deutlicher kennzeichnen als die
stattliche Anzahl der eingegangenen, wirklich bemerkenswerten
Entwürfe. Das Preisgericht entschied sich für die Arbeiten von

Martin Elsäßer (erster Preis) und von Professor Paul Bonatz
mit F. E. Schöler (zweiter Preis). Der dritte Preis wurde ge-
teilt für G. Stahl & A. Bossert (Mitarbeiter G. Sommer) und
Dipl.-Ing. Ihle. Der Entwurf von A. Fischer in Düsseldorf
wurde zum Ankauf empfohlen.
Den Preisrichtern mag die Entscheidung zwischen den
beiden erstgenannten nicht eben leicht geworden sein. Die
mit dem Kennwort „Nordwestshed“ bezeichnete Arbeit der
Architekten Bonatz und Schöler zeichnet sich aus durch die bis
ins letzte logisch klare und präzise Durchfeilung der Aufgabe.
Ganz vortrefflich ist z. B. das Problem der ebenso praktischen
wie als Form häßlichen Sheddächer künstlerisch gelöst. Dieser
Zug einer frischen Modernität kennzeichnet auch die Außen-
architektur; die Fassade gegen die Dorotheenstraße sucht ihres-
gleichen und sicher wäre für eine Großstadt ohne die starke
Eigentümlichkeit der Landschaft und Architektur Stuttgarts, z. B.
für Berlin, der Typ dieser Markthalle kaum zu übertreffen.
Bei der Stuttgarter Markthalle aber widersprach der Be-
vorzugung dieses Entwurfs anschei-
nend gerade die Auslegung des
Mottos, das die beiden Architekten
selbst ihrem Erläuterungsbericht
vorangesetzt haben: „ DieEinfügung
in die einzigartig schöne Umgebung
und die Schaffung eines guten
Hallenraums sind die Hauptpunkte
des Wettbewerbs.“ Für die Halle
geben die beiden Entwürfe zwei
ausgezeichnete Typen monumen-
taler Gestaltung auf fast entgegen-
gesetzter Grundlage: hier der höchst
eindrucksvolle, wuchtige Bonatzsche
Hallenbau, der vielleicht ein zu
großes Spannungsgefühl durch die
mächtige Bogenreihe hervorruft,
dort Elsäßers leicht getragene und
mit fast spielender Leichtigkeit sich
wölbende Halle. Im äußeren Aufbau
legt Bonatz leider den Hauptnach-
druck auf die schmale Front an der
Seitenstraße, wo man den Abstand,
den seine temperamentvolleTreppen-
ansicht unbedingt erfordert, kaum er-
halten kann. Elsäßers Bau dagegen
lagert sich mit breiter behaglicher
Selbstverständlichkeit vor das Gegen-



Architekten: Professor P. Bonatz und F. E. Schöler
in Stuttgart.

Wettbewerbentwurf für eine Markthalle in Stuttgart (II. Preis).
Schaubild.
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