Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 50.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 5.


Vom Standpunkte a.

Der Bergmeister-Hof in Würzburg.

Vom Standpunkte b.

In einem Menschenalter haben also unsere Städte einen Zuwachs
von Wohnungen erhalten, der der Gesamtheit aller 1870 vor-
handenen Wohnungen entspricht, an deren Aufbau Jahrhunderte
gearbeitet hatten. Diesen erstaunlichen Umfang der städte-
bauenden Tätigkeit der letzten Jahrzehnte müssen wir uns vor
Augen halten, wenn wir bei der Beurteilung der künstlerischen
Werte des Geschaffenen nicht ungerecht sein wollen.
Dabei sind die neuen Stadtteile gesundheitlich den alten
vielfach überlegen. Wasserleitung, Entwässerung, Straßenbefesti-


Der Bergmeister-Hof in Würzburg.

Vom Standpunkte e.

gung und Beleuchtung sind in musterhafter Weise geregelt; der
Staub der Jahrhunderte fehlt in den neuen Häusern. Die freie
Natur ist von den Außenbezirken leichter zu erreichen. Dies
alles trägt dazu bei, die Bevölkerung nach den neuen Stadtteilen
zu locken.
Etwas anders gestaltet sich der Vergleich zwischen Altstadt
und Neustadt vom Standpunkt des Künstlers und Freundes alter
hergebrachter Sitte und heimischer Art. Wer die Städte durch-
wandert, um schöne Straßenbilder oder packende Architektur-
bilder auf sich wirken zu lassen, wird in den neuen Stadtteilen
selten auf seine Rechnung kommen. Enttäuscht wird er sich
den alten engen Straßen zuwenden, den lauschigen Winkeln,
den leicht geschwungenen malerischen Straßenzügen, die nicht
in einen endlos fernen perspektivischen Punkt auslaufen, sondern
räumlich begrenzt sind durch ihre malerische Windung oder ein
monumentales Gebäude, an denen sich Giebel hinter Giebel
mit kecker Umrißlinie kulissenartig aufbaut, an denen Haus für
Haus seinen eigenen persönlichen Charakter hat und doch, ohne
sich vorzudrängen, sich der Gesamtheit schlicht und sachlich
einordnet. Und vor allem bezaubern uns die alten Marktplätze,
in welche die Straßen mit leichter Krümmung münden, so daß
der Platz als geschlossener Raum erscheint, umgeben von statt-
lichen Giebelhäusern mit steilen Dächern, deren wechselnde
Höhe uns die Tiefe des Hauses veranschaulicht, und über die
der malerische Kirchturm neugierig auf das Marktgewühl her-
niederschaut!
Wo finden wir das alles in unseren neuen Stadtteilen?
Gerade Straßen, vielleicht mit Vorgärten und Baumreihen, die
Traufen sämtlich in einer Höhe, weil die Bauordnung ein
Darüberhinaus ebensowenig duldet wie ein Vortreten oder Zurück-
bleiben der Häuser; alle Häuser im gleichen Abstand, mit der-
selben Anzahl von Erkern und kastenartig vortretenden Baikonen!
Man hat sich bemüht, durch eine Fülle der Formen, durch
Hineintragen volksfremder Stilformen über die Öde des Schemas
hinwegzutäuschen und hat damit nur Mißklänge in das Straßen-
bild gebracht.
Aber deshalb darf man die Gegenwart nicht besonders un-
produktiv auf architektonischem Gebiet schelten. Denn wirklich
neue Aufgaben, wie die großen Warenhäuser und Bahnhöfe,
die großen Eisenkonstruktionen der modernen Riesenbrücken,
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