Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 56.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 5.

Weinbergsgrundstück „Sorgenfrei“ Blick vom Garten


in der Oberlößnitz bei Dresden. in den Hof.
Von dem an der jetzigen Schulstraße gelegenen Eingang
führt eine breite Allee nach einem halbrunden Vorplatz, dessen
Ecken mit Sandsteinpfeilern geschmückt sind, die eigenartige
Vasen von ovalem Grundriß tragen.
Das Herrenhaus mit seinen uhrbekrönten Dachaufbauten
und dem gutgegliederten Dachreiter ist der früheste Teil der
Anlage. Es besteht, mit Ausnahme des Erdgeschosses, aus
Fachwerk. Die Symmetrie des Bauwerkes wurde nicht streng
durchgeführt, doch treten die Abweichungen nicht stark
hervor.

Das reizvolle Pförtchen, das der Eingangstüre vorgebaut
ist, zeigt auf einem Hintergründe aus gekreuztem Lattenwerk
das holzgeschnitzte Allianzwappen der Familien von Gregory
und Friederici; der Greif der Friederici dient auch als Wetter-
fahne. Die Wein- und Blumengewinde sind sehr geschickt
aus Blech getrieben. Der Anstrich der Putzflächen ist gelbrot
und an den blechbekleideten Teilen und den Holzgewänden
der Fenster leicht grau. Das Holzwerk der Einfriedigung,
die Eingangstüre, die Fensterläden, die Uhrumrahmung und
das geschweifte Turmdach sind grün und die Fensterrahmen
weiß gestrichen.
Das Gebäude umschließt an der Rückseite mit drei
Seiten ein Höfchen, das außerdem durch Zäune mit vasen-
geschmückten Pfeilern und niedrig gehaltenen Linden um-
friedigt wird.
Dahinter liegt ein langer, schmaler Hof, der gegen das
ansteigende Gelände durch eine Futtermauer abgeschlossen
ist; ein ovaler Einschnitt ist als Brunnen ausgebildet. Die
Tiefenwirkung des Hofes, die in dem östlichen Teile der
Gartenanlage fortgesetzt wird, erhöhen außerdem zwei
Reihen von Linden hinter dem Gartensaale. Die Pfeiler der
beiden Holztore, welche das Herrenhaus mit den Neben-
gebäuden verbinden, tragen feine Vasen mit Eichenlaub-
gehängen.
Das Gartenhaus wird in der Hauptsache von einem lang-
gestreckten und hohen Saalraum beansprucht, der sich nach
dem Garten mit zwei breiten Türen und sechs Fenstern öffnet.
Der Fußboden desselben besteht aus braun gestrichenen Sand-
steinplatten. Der Sockel, die Wandstreifen, Fensterleibungen

und Ofennischen sind karmoisinrot gestrichen und marmoriert,
die Wände smaragdgrün und die Decke sowie das Holzwerk
weiß. Der Fries zeigt pompejanischroten Grund; das Ornament
darauf sowie die Kapitelle darunter sind gelb. Die Beleuchtung
geschah durch vorzügliche Hängeleuchter aus Kristallglas und
kleine Messingleuchter an den Fensterpfeilern. Die Terrakotta-
öfen sind blaugrün gefärbt und teilweise bronziert. Die Fenster-
flügel in der Rückwand des Saales können nach unten
versenkt werden, so daß das Zwischengeschoß als Musikloge
dienen kann.
Unter dem Saale befindet sich ein großer Weinkeller
mit einem Tonnengewölbe und steinernen Lagern für die
Fässer.
Der Garten läßt noch die alte Anlage im französischen
Stile erkennen. Der schmale östliche Teil, welcher den ehe-
maligen Weinberg rechtwinklig schneidet, ist erhöht und durch
eine Freitreppe zugänglich gemacht. Der Hauptweg des Wein-
berges führte von hier aus zu dem höchsten Punkte des sanft
ansteigenden Geländes, wo ein achteckiges hölzernes Garten-
haus mit Verzierungen im chinesischen Geschmacke stand, das
vor einigen Jahren der Straßenverbreiterung hat weichen müssen.
Nach Süden führt eine puttengeschmückte Freitreppe nach dem
in der Hauptachse des Saales liegenden Teile des Gartens,
dessen Mittelpunkt das Wasserbassin mit der Sphinx bildet. Links
vom Herrenhause liegt das niedrige Winzerhaus, und dahinter
befindet sich der Wirtschaftshof mit der geräumigen Stallung
und der Weinpresse.
Glückliche Umstände haben das Grundstück bisher
vor dem Übergange in fremde Hände bewahrt, und der
Besitzer sorgt für die möglichste Erhaltung der alten Eigen-
art desselben.
Darum kann uns diese Anlage den Charakter und die
Stimmung der vornehmen Landgüter aus der Zeit vor 120
Jahren vollkommen vor Augen führen und vermag reiche An-
regungen für das neuzeitliche Schaffen zu geben.
Dresden, im Januar 1911, Karl Simmang.


Weinbergsgrundstück „Sorgenfrei“
in der Oberlößnitz bei Dresden.

Blick vom Garten auf
das Herrenhaus.
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