Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

Seite: 139
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1911, 12.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

Seite 139.

tektonische entzogen worden ist, das Semper als den legis-
latorischen Rückhalt bezeichnete, dessen keine andere Kunst
entbehren kann.
So ist die Wiedergewinnung einer architektonischen Kultur
für alle Künste die Grundbedingung und für einen zu er-
hoffenden, allgemein künstlerischen Regenerationsprozeß über-
haupt die Grundlage. Hierin liegt die enorme Bedeutung der
Bewegung, in deren Mitte wir heute stehen, denn das, was
aus ihr entspringen wird, hat dann direkt die Bedeutung eines
Zeitenschicksals. Daß es diesmal die germanischen Völker sind,
die den Willen zu dieser Tat bekunden, ist für uns noch von
besonderer Bedeutung. Es handelt sich darum, wieder jene
Ordnung und Zucht in unsere Lebensäußerungen zu bringen,
deren äußeres Merkmal die gute Form ist. Eine wichtige Be-
obachtung läßt sich hier machen: In der modernen sozialen
und wirtschaftlichen Organisation liegen Fingerzeige, daß auch
hier eine Tendenz der Unterordnung unter leitende Gesichts-
punkte, der straffen Einordnung jedes Einzelelementes, der
Zurückstellung des Nebensächlichen gegen das Hauptsächliche
lebendig ist. Diese soziale und wirtschaftliche Organisations-
tendenz hat also eine geistige Verwandtschaft mit der formalen
Organisationstendenz unserer künstlerischen Bewegung. Deutsch-
land genießt nun den Ruf, daß die Organisation seiner Unter-
nehmungen, seiner Großbetriebe, seiner Staatseinrichtungen die
straffste und exakteste von allen Völkern sei. Die militärische
Zucht wird als Grund dafür angeführt. Ist das aber der Fall,
so liegt vielleicht auch hierin die Berufung Deutschlands aus-
gedrückt, die großen Aufgaben, die auf dem Gebiete der archi-
tektonischen Form liegen, zu lösen. Wie gut die wirtschaft-
liche und soziale Großorganisation den architektonischen Zug
der Zeit zu verstehen beginnt, geht aus dem Umstande hervor,
daß diese Organisation der Heranziehung bester Vertreter der
Architektur nicht mehr entbehren zu können glaubt. Und
sind nicht die von Künstlern entworfenen Städtegründungen
großer Betriebe der beste Beweis dafür, daß gerade aus den
modernen Wirtschaftszusammenschlüssen das Beste für eine
Anerkennung der Architektur zu erhoffen ist? Sollte es ge-
lingen, auch den deutschen Gebildeten, vor allem unsere reichen
Privatleute, die einen großen Teil der Verbraucher darstellen,
zu derselben Überzeugung von der Notwendigkeit der ge-
läuterten Form zu bringen, so wäre ein weiterer großer Schritt
in Deutschland getan. Der Reichtum hat für den Fortschritt
der Welt keinen Sinn, wenn er nur materielle Vorteile häuft.
In ihm liegt auch die Verpflichtung, das Bedürfnis zu veredeln,
um das Leben innerlicher, um es geistig reicher zu machen.
Dies ist aber ohne die Kunst nicht denkbar, und die Archi-
tektur ist die Dienerin, welche dem Bedürfnis die höhere, durch-
geistigte Form gibt. Nur wenn jeder im Volke die Kultur-
verpflichtung fühlt, sich in der Deckung seiner Bedürfnisse der
besten Form zu bedienen, nur dann werden wir als Volk in
einen Zustand des Geschmacks gelangen können, der des
sonstigen vorwärtsgerichteten Strebens Deutschlands würdig ist.
Für die zukünftige Stellung Deutschlands in der Welt liegt aber
darin, wie wir uns geschmacklich, das heißt in der Handhabung
der Form, entwickeln, eine große Bedeutung. So viel steht fest,
erst wenn wir unsere heimischen Verhältnisse verbessern, erst
wenn wir hier zu geklärten und harmonischen Zuständen ge-
langt sind, erst dann können wir hoffen, von der Welt als
Nation gewürdigt zu werden, die unter den vielen Aufgaben,
deren Lösungen man uns zutraut, auch die Aufgabe lösen könnte,
dem Zeitalter das verlorengegangene Gut der architektonischen
Kultur wieder zuführen zu helfen.
Typen bayerischer Dorfkirchen.
Von Dr. Rich. Hoffmann, Kustos am Kgl. Generalkonservatorium der Kunst-
denkmale und Altertümer Bayerns.
Weit schärfer als in der monumentalen kirchlichen Kunst
offenbaren sich völkische und landschaftliche Unterschiede
in der Bauweise der Dorfkirchen. So zeigen die drei großen
Stammgebiete des rechtsrheinischen Königreichs Bayern —
Bayern, Franken und Schwaben — im großen und ganzen
jedes für sich selbständige Typen der Dorfkirche. Am deutlichsten


Kirche in Bergkirchen, B.-A. Dachau.

treten wesentliche Unterschiede hervor zwischen den Dorfkirchen
Südbayerns und Nordbayerns, wobei ziemlich genau die Donau
in ihrem Laufe bis Regensburg die Grenzlinie bildet. So viele
Abstufungen auch die Dorfkirchen in Südbayern — Schwaben,
niederbayerisches Flachland, oberbayerische Hochebene, Alpen-
vorland und Alpenland — zeigen, sie haben doch eine Reihe
gemeinschaftlicher Grundzüge, die sie wesentlich unterscheiden
von den Landkirchen der drei fränkischen Kreise. Zwischen
beiden Gruppen steht die Dorfkirche der Oberpfalz, in der
die Eigenart der südbayerischen Landkirche nicht selten ver-
schmolzen ist mit fränkischer Bauart.
Das oberbayerische Dorf, hauptsächlich in südlicher,
südöstlicher und östlicher Richtung von München aus, hat eine
breitspurige Anlage. Es zieht sich oft sehr in die Länge. Die
Anwesen sind mit Kalk blendend weiß verputzte Ziegelbauten,
die sich mit den Wirtschaftsgebäuden im Viereck um den Hof
stellen. Im weit sich ausbreitenden Häusergebiet erhebt sich
die Kirche, freundlich schimmernd im Kalkweiß der Wände.
Denkbarste Einfachheit kennzeichnet ihre äußere Erscheinung.
Wo die alte Turmlösung noch erhalten ist, finden wir das
Satteldach. Beliebte Zierform ist der Rundbogenfries, der, aus
dem romanischen Stil hervorgegangen, bis in die späteste Zeit


Kirche St. Lorenz bei Kinning, B.-A. Mühldorf.
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