Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Wirklichkeit. Wir können noch jene Vorwürfe
erwähnen, die die Avantgarde trafen, nämlich
dass die Kämpfer für ein humanistischeres Milieu
und für eine bessere Architektur im Interesse
der Gesellschaft von ihren Jugendelan allmählich
abgekommen seien und ihre eigenen Ideale ver-
lassen hätten und dass sie sich im Laufe ihres
Lebens zum Dienst an jener Klasse umorientierten,
gegen die sie einst auftraten. Autoren von Klein-
wohnungen wurden zu Projektanten von Bank-
häusern und Administrativgebäuden grosser Fir-
men, Magnatsvillen u. ä.; ich glaube jedoch, das
diese Vorwürfe nicht am Platz sind. Der ^Archi-
tekt" hat die erstrangige und wesentliche Aufgabe:
die ist, dass er am optimalsten eine Bestellung,
eine Anforderung, ein Programm erfülle — sei
sie konsequent ausgesprochen oder nur intuitiv
empfunden. Dieses Programm wird aber immer
breiter, breiter als die Absicht, die vom Investor
eventuell selbst oder von seinem Stellvertreter
ausgesprochen wurde. Das Programm umfasst
auch die ganze gesellschaftlich-historische Struktur
weitreichenderer Anforderungen, Ansichten, Nor-
men. Wunschträume und Ideale. Entscheidend
vom Aspekt der avantgardistischen Engagiertheit
ist in diesen Fällen das Erfüllen eines Masses, nach
welchem der Autor fähig sein wird, in die Lösung
eines Kunstwerks — insbesondere eines architek-
tonischen oder eines dem ähnliche — auch brei-
tere, soziale, kulturelle und öffentliche Interessen
im Rahmen der gegebenen individuellen Aufgaben
einzubeziehen und zu befriedigen; ein Einzelge-
bäude oder Wohn- und Industrieviertel sind ein
ständiges Lebens- und Arbeitsmilieu für Men-
schenmassen. Das ist die eine Seite der Bemer-
kungen; die zweite ist in der Tatsache, dass die
Lösung privatrechtlicher Beziehungen und Fragen
der wirtschaftlichen und politischen Macht, der
Macht, der Investition und der Erteilung von
Bauaufträgen, nicht von jenem schöpferischen
Bestandteil der Persönlichkeit des Architekten
abhängig gemacht werden kann, die ihn zum
professionellen ,,Architekten" stempelt; der bür-
gerliche und weltanschauliche Standpunkt eines
Künstlers wird jedoch von den Ergebnissen
geprägt. Der humane Anteil eines avantgardis-
tischen Architekten lag etwa darin, dass er die
Frage eines geeigneten architektonischen Modells
löste und nicht darin, dass er ein Bankhaus zu
projektieren ab wies.

Es existieren also verschiedene Wertungen:
laut dieser verlor die Avantgarde der 30-er Jahre
einerseits ihre revolutionären Positionen und
versetzte, sich auf die utopistische und idealistische
Plattform; andererseits wurde sie von den mäch-
tigen Investorenkreisen verschlungen, denen sic
diente und anderenteils wurde ihr wieder dadurch
Satisfaktion zuteil, da ihre Visionen nach Jahr-
zehnten zu amtlich beglaubigten Programmen
wurden.
Über den Avantgardismus der 30-er Jahre zu
sprechen, ohne seine Kunstrichtungen zu erwäh-
nen, wäre unvollkommen: in diesen Jahren erreich-
ten nämlich die Formulierungen einiger Postuláte
ihren Höhepunkt, die niemals in der Geschichte
menschlicher Schöpfung und auch nie in der Kunst
untergehen können: Begriffe wie Rationalismus,
Konstruktivismus und Funktionalismus haben
ihre ständige Berechtigung, wenn auch nicht als
Stile der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich
werde diese Richtungen nicht weiter analysieren,
da das Thema Funktionalismus weitere Beiträge
behandeln sollen; doch erlauben sie mir jedoch
nur das zu wiederholen, was ich schon vor län-
gerer Zeit auch in meiner Publikation ,,A wwemw
oGdo was" (Zur Kunst um uns herum) erwähnte,
in einer Zeit, wo der Funktionalismus bei uns noch
offiziell unterschätzt wurde — dass spätere Irr-
tümer bei der Bewertung des Funktionalismus aus
der Unfähigkeit hervorgingen, den Funktionalis-
mus einerseits als bestimmte historisch begrenzte
Richtung, die zum Formalismus strebte, einzu-
schätzen, dessen Erscheinen in der neuzeitlichen
Geschichte zweifellos ein ernstzunehmender Bei-
trag war (sein Fehler wmr wohl eine gewisse Ein-
seitigkeit, ein Dogmatismus), andererseits zeigte
sich bei seiner Wertung — im Rahmen dieser
Kunstrichtung der ersten Hälfte des 20. Jahr-
hunderts — die Unfähigkeit, seine wahre Quelle
und sein Wesen, d. h. den Funktionalismus als
suchende und sich stets entfaltende Methode, die
- in jeder Beziehung — eine grundlegende Be-
dingung jedweder menschlicher Tätigkeit ist, zu
erkennen und sich selbstvetständlich auch auf
die Schöpfung ästhetischer Gebrauchsobjekte be-
zieht. Der Funktionalismus, als Methode und auch
als Stil, schuf neue und sachliche Kriterien für die
Schaffensprozesse in der Architektur, in der
angewandten Kunst und im Designe; er bot neue

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