Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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der Zeit, genommen werden muss, Alle Technolo-
gien der Produktion stehen gleichermassen zur
Verfügung; sie sind bereit miteinander zu kon-
kurrieren und sich wechselseitig zu ersetzen, da
weder beim Konsumenten noch beim Autor der
Sinn für die ,,Moral des Materials" besonders stark
entwickelt ist. Welche Funktion sollte eigentlich
diese Moral in einer Welt, die sowohl alle Möglich-
keiten des Materials der Bcarbeitungsmethoden,
alsauch die nötigen Mittel dazu bietet, erfüllen?
Das gleiche Lebensrecht haben heute Stühle aus
gebogenen Metallröhren nach Marcel Breuer (aus
den Zwanziger-Jahren) ebenso Werke von Saari-
nen, Arne Jacobson, die inzwischen schon inter-
national anerkannte Klassik sind, alte Thonet-
möbel vom Ende des vorigen Jahrhunderts oder
noch ältere Möbel vom Typ Windsor aus der
Wende des 18. und 19. Jahrhunderts. Alle werden
laufend erzeugt, angeboten und gekauft; sie fügen
sich durch ihre Anwesenheit natürlich in die
zeitgenössischen ekletischen Interieure ein. deren
Ekletismus schon so weit entwickelt und komplex
errichtet ist, dass wir schon Angst haben, über
einen ausgesprochenen Kitsch zu sprechen. Oft
erscheint uns diese Schöpfung als avantgardistisch.
Beim Beurteilen der ästhetischen Kriterien des
neosezessionistischen Schaffens darf man den
wahrscheinlich bedeutendsten — ausserästhetischen
Tatbestand nicht vergessen, dass es sich um einen
künstlerischen Ausdruck der sogenannten Wohl-
standsgesellschaft handelt. Diese soziale Situation
gibt den Hauptton des heutigen, sogenannten
modernen, Milieus an. Etwas von diesem — für
die erste Begegnung etwas kakophonischen Form-
konzert — erklingt aus der Ferne von dort, wo es
keine vollentfaltete Wohlstandsgesellschaft mehr
gibt und dort sollten wir doppelt nachdenklich
werden. In einer Wohlstandsgesellschaft — und
nur in dieser und das ist wichtig! — kann der
Funktionalismus scheinbar seine Anziehungskraft
verlieren; aus sozialpsychischen Gründen (auch
wegen einer Unnötigkeit einer ^verantwortungs-
vollen Stellungnahme" und auch aus Humor),
wird in der Milieugestaltung das Bevorzugen des
Strebens nach Unterschiedlichkeit, Exklusivität
und Bizzarerie ,,funktionell". Wenn also über die
Avantgarden und über die modernen Bestrebun-
gen der bildenden Kunst, über modernes Wohnen,
über Milieu, Stil u. s. f. gesprochen wird, ist es
immer notwendig zu wissen, welche und wessen

ästhetische, historische, gesellschaftliche, reprä-
sentative, wirtschaftliche, familiäre und Arbeits-
Interessen eigentlich diese Ansichten vertreten
und repräsentieren. Es ist schwierig, den Eklek-
tismus der gegenwärtig florierenden Neosezession
und des Pseudohistorismus in der Architektur
und in deren verwandten Gebieten in eine Be-
ziehung mit der Fortschrittlichkeit des avant-
gardistischen Denkens in Beziehung zu bringen,
er kann jedoch — wie es schon aus der oben ange-
führten Unterscheidung des Begriffes Avantgarde
hervorgeht — anders erscheinen, als etwa im
Bereiche der modernen Malerei und Bildhauerei,
deren Existenz nicht in diesem Mass an die soziale
Basis geknüpft ist. Jedoch sollteman sich bemühen,
die Zusammenhänge in der Kunst mit einer
gemeinsamen Sprache auszudrücken.
In der Architektur bedeuten Projektieren und
Designe eine optimale Möglichkeit aus der Aus-
wahl der gegebenen einschränkenden Umstände
zu erreichen; wo und worin es keine Einschrän-
kungen gibt, dort is es auch nicht notwendig
etwas zu ..lösen". Die Wohlstandsgesellschaft,
hauptsächlich in jenen Schichten ihrer Struktur,
wo es keine einschränkenden Mängel gibt, muss
also nicht Objekte, im wahren Sinne des Wortes,
)ös^n , auch muss sie weder Linien noch Richtungen
durchsetzen — immer etwas Einschränkendes —
ihr geht es nicht um den rationellen Funktionalis-
mus, noch um das ,,Erkämpf en" irgendwelcher
Ziele; sie kann nickt die Entstehung eines sozialen
avantgardistischen Standpunkts antreiben. Man
kann zum Beispiel bequem in einem dreiteiligen
zerlegbaren Armstuhl sitzen, aber warum sollte
man das Sitzen auf einem Würfel von drei Alertei
Kubikmetern nicht zulassen, wenn kein Interesse
für die Ökonomie des Raumes, der Erzeugung und
Durchführung vorhanden ist? Charakteristisch
für die Wohlstandsgesellschaft ist jedoch, dass un-
rationelle, unfunktionalistische Objekte nur neben
einer Menge von weiteren der Form, dem Stoff,
der Farbe, dem Preis und der Anschauung nach
nüchternen Parametern, auf dem ,,Markt" zu
finden sind, so dass der Konsument Gelegenheit
hat, sich das was ihm entspricht, der Reihenfolge
nach auszusuchen: zuerst nach der rationalen,
dann nach der ,,metarationalen". Man kann jedoch
nicht behaupten, dass alle Gebiete der Wohl-
standsgesellschaft, dass alle ihre Bestandteile frei
von einschränkenden Umständen sind: nur ist

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