Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Ailes deutet darauf hin, dass Gropius den Ge-
danken der Arbeitsgemeinschaft ebenso wie den
des grossen Baues von Taut und dem Arbeitsrat
für Kunst übernommen hat. Auch die Vorstellung,
dass die neue Architektur aus der grandiosen
Zwecklosigkeit dieses Bauwerkes als eine reine
künstlerische Schöpfung werde geboren werden,
geht auf Taut zurück. Als Gropius seinen Studen-
ten erklärte, dass dieser Bau mit seiner Lichtfülle
bis in die kleinsten Dinge des täglichen Lebens
hineinstrahlen werde, gab er Gedanken aus der
,,Stadtkrone" fast wörtlich wieder.
Wenn er 1919 auf diese Weise von dem Ein-
heitskunstwerk und von der Kathedrale der
Zukunft sprach, so gebrauchte er diese Begriffe
also nicht als eine blosse Metapher, sie waren keine
bildhafte Umschreibung der ersehnten Wieder-
geburt der Architektur als einer grossen Kunst,
wie häufig angenommen wird, sondern wörtlich
ein wirklich zu errichtender Bau. Schlemmer
erinnerte 1924 an diese Tatsache, als er in einer
Eingabe an den Meisterrat schrieb. ,,Das Bau-
haus wurde gegründet . . . mit Hinblick auf den
zu errichtenden Dom oder Kirche des Sozialismus,
und die Werkstätten wurden nach Art der Dom-
bauhütten eingerichtet ..." Das alles wirkt sehr
utopisch und ist heute schwer verständlich, aber
es steht außer allem Zweifel. Im Gegenteil, der
Gedanke des ,,Großen Baues" veranschaulicht
die eigenartige und einmalige Lage, die durch
Krieg und Revolution in Deutschland entstanden
war, und deren historische Wirklichkeit für uns
Nachgeborene so schwer zu fassen ist. Der große
Bau ist ein Zeichen dafür, daß die progressive
Entwicklung der Formgestaltung und der Archi-
tektur im Vorkriegsdeutschland mit dem ersten
Weltkrieg tief und nachhaltig unterbrochen wurde.
Der Realismus war für einige Jahre ersetzt durch
den Glauben an die Macht edler Gedanken und
Empfindungen, an ein strahlendes Menschentum,
das über alle Widerwärtigkeiten der Zeit trium-
phieren und auch der lebendige Quell der kommen-
den Formgestaltung, Kunst und Architektur sein
werde.
Als die alten gesellschaftlichen Mächte, die die
Krieg und Krisen heraufbeschworen hatten, ent-
gegen dem enthusiastischen Erneuerungswillen
der Intelligenz fest im Sattel blieben und die poli-
tische Entwicklung in Deutschland bestimmten,
als die großen Erwartungen restlos enttäuscht

wurden, verblaßte auch die Hoffnung auf einen
auszuführenden Bau. Die wirklichen Bedürfnisse
der Menschen, die überall große Not litten, ver-
drängten langsam, aber unaufhaltsam, die uto-
pischen Bauvorstellungen. Bereits 1922 war Wal-
ter Gropius der Meinung, daß für einen solchen
,,reinen zweckentbundenen Bau" der unerläßliche
Bauwille im Volk fehle. Auch die von Scheerbart
entlehnte künstlerische Thematik des ,,großen
Baues", die Polarität zwischen dem Ich und dem
All, zwischen Mensch und Kosmos, verlor an
Überzeugungskraft. Gropius sprach im Bauhaus-
programm von 1923 ausdrücklich von diesem
Wandel des Weltbildes und seinen Folgen für die
Bauhausarbeit. Das Bauhaussignet mit dem Ster-
nenmännchen, das die Idee der kosmischen
Bezogenheit zum Ausdruck gebracht hatte, war
schon gegen Ende 1921 aus dem Gebrauch ver-
schwunden. Itten, der den Quell der neuen Kunst
ganz im Sinne der Anfangskonzeption allein in
der Kraft der Gemeinschaft und in einer fast
mönchischen Versenkung in das menschliche
Wesen sah, verließ das Bauhaus 1923.
Die Schule wendete sich realeren Aufgaben zu.
Schlemmer umschrieb die Wendung in seinem
Tagebuch lakonisch mit: ,,Abkehr von der Utopie..
statt Kathedralen die Wohnmaschine". Und er
fügte im November 1922 hinzu: ,,Der Tempel der
Zukunft, der Dom der Demokraten, die Kathed-
rale des Sozialismus wird noch eine Weile auf sich
warten lassen, weil zunächst Häuser zu bauen
sind und keine Repräsentationsbauten mit deko-
rativer Wandmalerei." Bruno Taut ging mit sich
und den phantastischen Ideen der Nachkriegszeit
am schärfsten ins Gericht. 1927 veröffentlichte
er ein Buch über die neue Baukunst, in dem er
geradezu von einer ,,Epidemie der Geistesstörung"
sprach, von einer Gedankenrichtung, für die das
Wort Gedanke zu schade sei. Er bedauerte die
Unterbrechung in der Entwicklung einer realis-
tischen Architektur und die Ablenkung auf Dinge,
die nach seinen Worten der Arbeit vor dem Welt-
krieg absolut entgegengesetzt und ihr durchaus
feindlich waren.
Bei dieser Verurteilung ist es zunächst viele
Jahre geblieben. Der Irrationalismus, der sich in
der Architekturentwicklung der westlichen Länder
immer stärker bemerkbar macht, hat auch ein
Interesse an der phantastischen Architektur der
Vor- und Nachkriegsjahre gebracht. Darüber sind

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