Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Der Oktober und die internationale Avantgarde

Die Avantgarde der 20. Jahre hat sich im Feuer der Oktoberrevolution geläutert und auch heute nach 50. Jahren
knüpfen, wenn auch in geänderten Verhältnissen und mit anderen Anschauungen, neue avantgardistische
Tendenzen an den Oktober an. Die internationale künstlerische Avantgarde formte sich natürlich schon vor dem
Oktober in Paris, München, Moskau, Petersburg, Prag und anderwärts. Sie hatte viele, sich wiedersprechende
Programme, was letzen Endes auch für die heutige Avantgarde charakteristisch ist. Sie wollte Anfang unseres
Jahrhunderts ihre eigensten inneren Probleme lösen, doch allmählich bahnten sich die Bedingungen für ein
Engagement, dass sich auf eine breite und aktive Teilnahme der Kunst am gesellschaftlichen Geschehen, stützte.
Die Oktoberrevolution zeigte nicht nur den russischen, sondern auch den Angehörigen der internationalen
Avantgarde einen Ausweg aus der bürgerlichen Tradition, sie bot eine Aussicht für die freie Entwicklung des
Schaffenden, daher die grosse Anteilnahme avantgardistischer Künstler an der Revolution. Kandinskij, Gabo und
Pevsner kehren nach Russland zurück. Majakovskij, Burljuk, Mejerchold, Tirov, Lebedev, Puni, Sterenberg, El-
Lisickij, Malevič, Chagall, Tatlin, Rodčenko, Soutin u. a., sie alle glaubten an die Möglichkeit eineren inneren
Bindung zwischen der künstlerischen Revolte und der gesellschaftlichen Revolution. Auch wenn viele ihrer
Vorstellungen naiv waren, fanden sie Anklang in den Reihen der fortschrittlichen Intelligenz auf der ganzen Welt.
Picasso und Rivera wollen nach Moskau kommen. Gleizes schafft ein Projekt für die innere Gestaltung des
Moskauer Bahnhofs. Avantgardistisch gesinnte Architekten: Ernst May, Hannes Meyer, André Lurçat, Hans
Schmidt, Mart Stam, Josef Špalek u. a. wollen in die UdSSR um zeitgemässe Baupläne zu verwirklichen. Le
Corbusier baut in Moskau den Centrosojuz u. a. Bauten. Russische Architekten entwerfen kühne Pläne für die
architektonische Gestaltung von Stadt und Land.
Doch diese Aera wird durch die konservativen Kräfte unterbrochen und um die Mitte der 30. Jahre, verlassen
die ausländischen Avantgardisten die Sowjetunion. Koch im Jahre 1925 warnt Lenin vor einer Monopolisierung
der Literatur, doch in der nachfolgenden Zeit wird diese immer mehr vorangetrieben. Der Begriff des ,,burgeoisen
Formalismus" wird geprägt, geschichtliche Fälschungen, von einer angeblichen Verfolgung der Realisten, kommen
auf die Tagesordnung. Von dieser Zeit an, entwickelt sich die Kunst in der Sowjetunion zu einer Isolierung von der
Weltkunst, was nur beiden zu Schaden kam.
Heute, nach dem XX. Parteitag, gibt es in der UdSSR eine neu avantgardistische Welle. Unterstützt wurde
sie durch einen Entschluss des ZK der Partei vom Jahre 1952, in welchem der sog. ,,sozialistische Realismus"
in der Architektur, verurteilt wurde. Positiv wurden auch die Ausstellungen von Picasso (1956) und Léger (1963)
im Puschkinmuseum in Moskau, aufgenommen.
Die Rehabilitierung der Konstruktivisten, das Anknüpfen der jungen Generation an die 20. Jahre und besonders
die Arbeiten der Kinetisten mit Lev Nusberg an der Spitze, zeigen die heutige Kunst in der UdSSR in ein
differenzierteres Licht. Sie findet wieder Anschluss am Bemühen der fortschrittlichen Intelligenz auf der ganzen
Welt um eine Kunst, die vom gesellschaftlichen Ethos getragen wird.

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