Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 1991

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nicht nur die Eigenständigkeit unterscheiden das Zen-
trum von den Randgebieten, obwohl in Bialostockis
(auch in Karamans) Konzeptionen diese beiden Aktiva
eine entscheidende Rolle spielen. Randgebiete sind
diejenigen, in denen sich die Ereignisse langsam
vollziehen und in denen nur selten eigenständige
Schöpfungen entstehen, und wenn doch, so nur ab und
zu und in reduzierter Gestalt. Bialostocki gibt jedoch zu
den genannten Schaffenskriterien von Karaman, bei
denen ihre avantgardistische axiologische Quelle offen-
sichtlich ist, noch weitere — postmodernistische
— dazu. Während Vayer mit den Kriterien des
Evolutionismus Ende des 19. Jahrhunderts maß und
Karaman mit den Kriterien der Avantgarde der 1.
Hälfte unseres Jahrhunderts, ist Bialostockis Kriterium
der Resignation Ende des 20. Jahrhunderts verpflich-
tet. Im Einklang mit neokonservativen Neigungen
dieser Periode, der akzentuierten Tradition, hält er für
den spezifizierenden Charakterzug der Zentren das
Akkumulieren der Traditionen, das bewußte Festhal-
ten an der Geschichte. Es schiene so, daß es hier zum
inneren Konflikt mit dem Kriterium der Originalität
kommt. Diese Gefahr ist jedoch postmodernistisch
abgewendet: Das Zentrum ist dualistisch durch beide
gekennzeichnet, Originalität und Traditionalismus
schließen sich nicht aus, sie leben synkretistisch nebe-
neinander. Das ermöglicht das grundlegende (postmo-
dernistische!) Merkmal der Zentren — die starke
liberale alles erlaubende Konkurrenz. Aus der künstle-
rischen Konkurrenz ergibt sich für das Zentrum alles
das, von dem man in peripheren, in Randgebieten
absentiert ist — Kritizismus, Informiertheit über das
Weltgeschehen, interdisziplinäre Kontakte, hohe
Technik und handwerkliches Können. Die Konkurrenz
ermöglicht das Zusammenleben der Originalität mit
dem Traditionalismus, ohne eine stilistische Promis-
kuität eingehen zu müssen. Die peripheren Gebiete sind
dagegen durch die Kombination künstlerischer Ideen
aus verschiedenen Zentren ungleichen Ursprungs ge-
kennzeichnet, was oft zu sehr eigenständigen Ergebnis-
sen führen kann. Ursache ist gerade die geringe
Bindungskraft der Tradition, die diesen Eklektizismus,
den größeren Spielraum und die Freiheit bei der
Auswahl der Elemente und Motive ermöglicht. Ob-
wohl infolge der mangelnden Konkurrenz, der geringen
Anzahl der Künstler das Schaffen in peripheren Gebie-
ten ein geringeres künstlerisches und technisches Ni-
veau hat, es weniger spezialisiert ist und in die

Vereinfachung der entlehnten und imitierten Modelle
einmündet, ermöglicht es gerade die größere Freiheit
bei der Auswahl der Anregungen und Muster, daß bei
günstigen Umständen eigenständige Neubildungen
entstehen. Konkurrenz, Originalität und historische
Bindung, das sind Kriterien, mit denen Bialostocki die
Unterschiede zwischen Zentren und Randgebieten
mißt. Zentristischer Hegemonismus ist hier weiterhin
ausschlaggebend, obwohl die Absicht, wenigstens „ei-
nige Werte“ nichtzentraler Gebiete zu finden, evident
ist. Daß das Kriterien sind, mit denen die modernen
kapitalistischen Zentren der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts gekennzeichnet werden — hier verabsolu-
tiert auf die ganze Geschichte als überzeitliche Krite-
rien — kann sie zwar nicht völlig devalvieren, jedoch ist
ihre Gültigkeit zumindest relativisiert. Es ist in ihnen
nämlich die Verabsolutierung eines Schaffenstyps, als
Originalität aufgefaßt, verborgen. Auch wenn man
schon mehrere Wege zu ihr akzeptiert (auch den
kompilativen Weg), bleibt sie weiterhin auf dem
Piédestal der höchsten Wertung und der wahren
Mission der Kunst. Sie ist mit dem Wesen des
künstlerischen Schaffens überhaupt gleichgesetzt. Der
Horizont des abendländischen Individualismus ist
hier, scheint es, nicht überschritten worden, auch wenn
unter dem Einfluß der Postmoderne seine Grenzen
erweitert wurden. Wenn Vayer den alten linearen
Evolutionismus mit der Idee der Pluralität überwand,
so machte Bialostocki damit, daß er die postmodernisti-
sche Konzeption vom Schaffen als Auswahl und
Kombination übernahm, einen Schritt zur Relativisie-
rung des Zentrismus und Hegemonismus und damit
auch zur Rehabilitierung peripherer Gebiete als Phäno-
mene mit eigenständigen — wenn auch nur „einigen“
— Werten.
*
Die Sektion, die sich auf dem Washingtoner Kongreß
mit der Problematik „Dissémination und Assimilation
des Stils“ beschäftigte, leitete der italienische Kunsthis-
toriker Enrico Castelnuovo (zusammen mit V. Elis-
seeff). Ich führe diese Tatsache deshalb an, weil die
Wahl des Vorsitzenden nicht zufällig war.8 Castelnuo-
vo ist gemeinsam mit C. Ginsburg Autor des Einfüh-
rungskapitels der programmatischen Kollektivarbeit
italienischer Kunsthistoriker „Storia dell’arte italiana“
mit dem bezeichnenden Titel: „Zentrum und Periphe-
rie“.9 Vom Standpunkt eines Mitteleuropäers mag es
verwunderlich erscheinen, daß gerade dieses Problem

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