Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

mit den Gestaltungskraften, die ihren Ursprung in der góttlichen univer-
sellen Kraft haben, versehen ist, sind es die Kiinstler, die eine besondere
Fahigkeit pflegen, die Grundprinzipien der Welt und des Menschen zu
ergriinden und zu veranschaulichen. Denn sie sind bereit, sich ihrer
Aufgabe zu widmen und die ihnen, wie auch allen anderen von Natur
aus gegebenen Fahigkeiten zu entwickeln und sich damit auf den
„Glanz”, die Schonheit der Natur und auf die Perfektion der inneren
Strukturen zu konzentrieren, die sie dann den eigenen Werken verlei-
hen. Diese in den Kunstwerken bildhaft dargestellten Grundprinzipien
der Natur, eine schone hannonische Ordnung, die Shaftesbury ais „inte-
rior numbers” bezeichnet, erscheinen den anderen ais etwas Intelligi-
bles. Ais Je ne sais quoi” bleiben sie unerkennbar, und daher werden sie
ais Zauber und ais eine Erhohung begriffen - die der Kiinstler selbst
auch nicht benennen kann44 weil der Betrachter sie zwar erahnt, da er
den Sinn zu ihrer Erkenntnis von Natur aus besitzt, sie aber tatsachlich
nicht erkennt. Shaftesburys Abwendung von der Idee des Je ne sais
quoi” bedeutet eine entschiedene Abkehr von friiheren Theorien, welche
in diesem „geahnten Glanz” das intelligible Schone erkannt hatten, vor
allem vom Klassizismus der Franzósischen Akademie. Aus seiner Apolo-
gie des Kiinstlers geht hervor, daB wenn der Betrachter diese urspriingli-
che Schonheit nicht erkennen kann, es nicht an dem Kiinstler liegt, der
das Werk geschaffen hat und lediglich den Schatten des Schonen darstel-
len kann, sondern an dem Betrachter selbst, der von sich aus nicht bereit
ist, das Schone zu erkennen. Der Kiinstler weiB namlich, was er gestal-
tet, wenn er ein schones Kunstwerk schafft - ohne diese Kenntnis
konnte er es nicht darstellen -, und Shaftesbury betont angesichts der
hochsten Aufgabe der Kunst, die Morał darzustellen, die Bedeutung der
Selbsterkenntnis und der Invention vor der aktiven Ausfiihrung im
Werk. Es ist also gerade die Hinwendung zum Charakter des Schaffen-
den und dessen Riickbindung an das Geschaffene, die es Shaftesbury
erlaubt, dem Kiinstler im Vergleich zu anderen Menschen besondere Fa-
higkeiten zuzuerkennen45. Damit ist das Schone, das er veranschauli-
chen soli, keine unergriindliche „Grazie”, sondern sie ist - intuitiv - ein-
sehbar, weil sie sich im GestaltungsprozeB oder im Rezeptionsvorgang
veranschaulicht, ahnlich wie das Innere des Menschen durch Ubung und
Lehre erkannt werden kann46.

44 Characteristicks, I, S. 332; SE, 1,5, S. 168.
45 Man kann darin durchaus den Ansatz zur romantischen Idee des Genies erkennen.
46 Characteristicks, II, S. 404 f.
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