Instytut Historii Sztuki <Posen> [Editor]
Artium Quaestiones — 14.2003

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ISABELLA WOLDT

anderes Bild ais dieses, welches eine detaillierte Beschreibung in der
Vorstellung hervorrufen wiirde. Die Grausamkeit und Tragik des Ge-
schehens werden im Bild anhand der Haltung der Korper zum Ausdruck
gebracht. Im Vordergrund weist die sterbende Frau auf die Konseąuen-
zen des Ereignisses fur die Zukunft, denn nicht nur sie ais Mutter stirbt,
sondern auch ihre Kinder, von denen das eine bereits leblos links neben
ihr auf dem Boden liegt, wahrend das andere halb auf ihr liegend
schreit, wobei der intensive Ausdruck der Emotionen entsprechend dem
Dekorum auf den geoffneten Mund des Kindes und den Blick nach oben
reduziert wurde. Die Mitte des Gemaldes nehmen aber nicht die Leiden-
den ein, sondern zwei, etwas in den Hintergrund versetzte gut gekleidete
Manner, die sich nicht um die Sterbenden kummern, sondern nach links
weisend die Zerstórung des Gotzenbildes im Tempel beobachten. Dieses
Motiv kann einerseits entsprechend der literarischen Vorlage den
Moment veranschaulichen, ais die Fursten der Philister entscheiden, die
Bundeslade aus der Stadt zu entfernen, andererseits kann man an dieser
Bildstelle die kritische Einstellung des Kiinstlers gegenuber den Prie-
stern, die sich - blind dem menschlichen Leiden gegenuberstehend -
erneut um den Aberglauben sorgen.
Poussin gehort fur Shaftesbury wie Raffael zu den direkten Nachfol-
gern der antiken Kunst, genauso wie dieser oder der antike Kunstler
Apelles meide Poussin - im Gegensatz zu den meisten modernen Malern
- die Darstellung der Affekte in seiner Kunst81. Er sei „wunderbar”, be-
sonders im Hinblick auf die Einheit des Kunstwerkes - die Zentrierung
des Blickes auf die beiden Priester im Bild der Seuche konnte hier ais
Beispiel dienen -, eine Maxime, die Shaftesbury in § 2 und § 3 der Notion
ausfuhrlich behandelt82. Shaftesburys Bewunderung fur Poussins Arbeiten
betrifft also nicht nur die Auswahl der klassizistischen Themen und dereń
Behandlung im Sinne klassischer Einheit, sondern auch die Personlichkeit
des Malers. Seine Unabhangigkeit gegenuber den Wiinschen der Auftrag-
geber, um damit die Freiheit der eigenen kiinstlerischen Idee zu wahren,
preist er, indem er ihn ais „moralisch” bezeichnet.
Der Aspekt der individuellen kiinstlerischen Unabhangigkeit, die
Nahe zum Klassizismus und die Darstellung der Landschaft sind
Momente, die Shaftesbury auch an dem italienischen Kunstler Salvator
Rosa lobt, den er neben Poussin ais einen moralischen Kunstler bezeich-
net83. Von Rosa besaB der Philosoph selbst zwei Landschaftsdarstellun-
gen (Abb. 16, 17)84. Diesen italienischen Maler betrachtete Shaftesbury
81 Dazu und zum Begriff „Affectation” vgl. SE, 1,5, S. 277.
82 SE, 1,5, S. 212 f.; Characteristicks, III, S. 348 f.
83 SE, 1,5, S. 252.
84 Vgl. J. Scott, Salvator Rosa. His Life and Times, New Haven/Conn., London 1995,
S. 225.
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