Instytut Historii Sztuki <Posen> [Hrsg.]
Artium Quaestiones — 21.2010

Seite: 11
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DIE ALTERTUMLICHE UBERLIEFERUNG IN DER RENAISSANCE-SKULPTUR

non pigebit referre. Quod quidem ita
sculptum est...,
ut omnes cellulae mansionum et sedilia
universa per girum et exitus omnes et
antra ex uno solidoque lapide sculpta
sint...
Nunc vero pauca subiciam de signis
marmoreis, quae paene omnes a beato
Gregorio aut deletae aut deturpatae
sunt. Quarum unam propter eximiae
pulcritudinis speciem primum referam.
Haec autem imago a Romanis Veneri
dedicata fuit in ea forma, in qua iuxta
fabulam cum Iunone et Palladę Paridi in
temerario examine dicitur Venus se
nudam exhibuisse...
Haec autem imago ex Pario marmore
tam miro et inexplicabili perfecta est
artificio, ut magis viva creatura videatur
quam statua: erubescenti etenim nudita-
tem suam similis, faciem purpureo colo-
re perfusam gerit.
Videturque comminus aspicientibus in
niveo ore imaginis sanguinem natare...
(8, 11)

und zweifellos zu der Reihe der ungewohn-
lichen Gebaude zu zahlen.
Alles ist einst so gestaltet worden, dass
man alle Raume, die im Kreis angeor-
dneten Sitzplatze, die Ausgange und die
Nischen aus einem Felsblock hcrausge-
hauen hat....
Dagegen ist uber Darstellungen aus Mar-
mor kaum etwas zu sagen, denn fast alle
wurden durch den seligen Gregor entwe-
der beschadigt oder gestiirzt. Eine von
ihnen erachte ich wegen ihrer ungewbhnli-
chen Schónheit fur die herrlichste Er-
scheinung.
Es ist eine Skulptur, die die Romer Venus
gewidmet haben. Sie stellt, dem Mythos
gemab, eine nackte Venus dar, die mit
Juno und Pallas zum Parisurteil bereit-
steht...
Eben diese Skulptur aus parischem Mar-
mor wurde mit solch einzigartiger und
tiefsinniger Kunstfertigkeit ausgearbeitet,
dass sie mehr eine lebendige Schopfung
ais eine Statuę zu sein scheint: sie schamt
sich ihrer Nacktheit, Róte fliebt uber ihr
Gesicht.
Der Betrachter hat iiberhaupt den Ein-
druck, dass im schneeweiben Gesicht der
Statuę Blut pulsiert.s

Die Existenz der Werke antiker Bildhauerkunst im Mitteialter, so-
wohl der griechischen ais auch der rómischen (erstere vor allem vermit-
telt uber rómische Kopien) ist unbestritten (Abb. 1, 2). Das erlaubt es, die
These aufzustellen, dass eben konkrete Werke vor allem und nicht lite-
rarische Beschreibungen von ihnen bei den Anfangen des Studiums uber
die klassische Skulptur in der spaten Gotik und der truhen Renaissance
eine entscheidende Rolle gespielt haben. Die zahlreichen, aber unprazi-
sen Texte, inspirierten eher die EinbildungskrafD, aber sie gaben kaum
irgendwelche fertigen Hinweise zum bildhauerischen Yorgehen. Die Tex-

s Sehe Fig. 4.
9 Dazu siehe beispielsweise Dante, CoTunredia DAina (Die Ggóttliche Kommedie),
Das Fegefeuer, 9, 28-70.
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