Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 28
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1.4.1. DER SARKOPHAG IM BELVEDRR DES VATIKAN

rechten Fuß den Kopf einer Antilope (Geäse ergänzt, ein Horn fehlt). Da ein ähnliches Tier auch auf
dem knapp 10 Jahre jüngeren Löwenjagdsarkophag in Kopenhagen (Kat. 41, Taf. 22,1; 25,3) begegnet, hier
etwas tiefer, unter dem Fuß des Jagdherrn angeordnet, kann diese Tatsache nicht dagegen angeführt werden,
daß das Fragment im Belvedere des Vatikan (Kat. 213, Taf. 7,3) zu einem Löwenjagdsarkophag gehört.
Man möchte vielmehr annehmen, daß der Ergänzer des Sarkophagbruchstücks in den ihm vorliegenden
Resten noch Anhaltspunkte dafür gefunden hat, als Jagdtier einen Löwen wiederzugeben. Es spricht also
vieles dafür, in diesem Sarkophag einen nahen Vorläufer des ersten vollständig erhaltenen Löwenjagdsarko-
phags im Louvre (Kat. 65, Taf. 1,3) zu erkennen.

Daß er früher ist, geht aus dem Stil einwandfrei hervor. Allerdings kann die von Amelung107 vorgeschlagene
Datierung in spätantoninische Zeit heute natürlich nicht mehr aufrechterhalten werden, sondern die schon
aus motivgeschichtlichen Gründen naheliegende Datierung um 230 n.Chr. wird durch die Stilisierung der
locker fallenden Mähnenhaare und des faltigen Halsfells beim Pferd, die noch eine gewisse Natürlichkeit
verraten, durch die weiche Drapierung der Falten und die unruhig verteilten Bohrlöcher und Bohrgänge
beim Kopf der Hintergrundsfigur in der linken Szene bestätigt. Einen guten Anhaltspunkt für diese Datierung
bieten auch die Reste des Porträts, an dem die Nase und die rechte Gesichtsseite mit Wange, Auge und
Stirnhälfte ergänzt sind. An der Form des Mundes, am glattrasierten Kinn und an den kurz geschnittenen,
in feinen seidigen Fäden nach vorn gestrichenen Haaren erkennt man gleichwohl noch den Zusammenhang
mit den Porträts aus der mittleren Regierungszeit des Severus Alexander108. Sehr viel nach 230 kann der
Sarkophag (Kat. 213, Taf. 7,3) also schwerlich entstanden sein und dürfte damit sicher älter sein als der
Sarkophag im Louvre (Kat. 65, Taf. 1,3; 4; 5). Dementsprechend steht er dem Archetypus näher, der seinerseits
allerdings später sein muß als der Sarkophag in Barcelona (Kat. 8, Taf. 1,2; 2; 3), der noch nicht den
vom Löwen Niedergeworfenen unter dem nach rechts sprengenden Jagdherrn aufweist. Da auch dieser
Sarkophag an das Ende des zweiten Jahrzehnts gerückt werden muß, dürften die beiden Sarkophage zeitlich
nicht sehr weit voneinander entstanden sein.

Zweierlei fällt bei diesem leider nur als Fragment erhaltenen bedeutenden Sarkophag auf. Das eine ist die
außerordentlich dichte Drängung der Figuren im Relieffeld, das andere die für diese Zeit ungewöhnliche
absolute Größe des Sarkophags, von dem es stammt. Die Verdichtungstendenzen, die dieser Sarkophag
so deutlich zeigt und die im Verlauf der Entwicklung zu einer den Reliefgrund überfangenden, treffend
als Figurenmauer bezeichneten Zusammendrängung der Darstellung führen, lassen sich bereits zu Beginn
der dreißiger Jahre beobachten, wie ebenfalls die großen Amazonensarkophage zeigen. Das Sarkophagfragment
im Vatikan (Taf. 7,3) stammt sicher aus einer anderen Werkstatt als der Löwenjagdsarkophag in Barcelona
(Taf. 1,2; 2; 3) und auch als der Löwenjagdsarkophag im Louvre (Taf. 1,3 ; 4; 5).

Das läßt erkennen, daß die Übernahme des neuen Sarkophagtypus auf breiter Front geschieht. Zugleich
zeigt sich, daß die Monumentalisierung, die dieser Sarkophagtypus erfährt, schon sehr früh erfolgt und
als Tendenz in seiner Schaffung angelegt ist. Das Fragment ist jetzt zu einer Reliefplatte von 1,25 m Höhe
und 1,85 m Länge ergänzt. Selbst wenn man annimmt, daß die Beine der stehenden Figuren links etwas
zu lang geraten sind, um mehr als 12 cm wird man sie kaum verkürzen können. Da das Relief vom oberen
Rand bis zum tiefsten erhaltenen Punkt beim Ansatz der Stiefellaschen der Virtus schon 1 m mißt, kann
der Sarkophagkasten ursprünglich nicht niedriger als 1,13 m gewesen sein, das ist höher als alle mythologischen
Jagdsarkophage und auch höher als fast alle Sarkophage, die vor der mit dem Balbinussarkophag sich
voll durchsetzenden Monumentalisierung von Sarkophagtypen des 2. Jahrhunderts n.Chr. entstanden sind.
Aber gerade aus den dreißiger Jahren des 3. Jahrhunderts n.Chr. gibt es einige Amazonen- und Endymionsar-
kophage109 von beträchtlicher Höhe, die der dieses Löwenjagdsarkophags nicht nachsteht. Das zeigt, daß
die Monumentalisierungstendenzen, die im Balbinussarkophag110 so deutlich zum Ausdruck kommen, schon
früher einsetzen und daß der zum Kaiser aufgestiegene Senator Balbinus nur der Exponent einer Gesellschafts-
klasse ist, die in dieser Zeit eine Selbstdarstellung in den großen Sarkophagen sucht. Dies erweist auch

Amelung, Vat.Kat. II 270 Nr. 93.

Wiggers-Wegner (1971) 177fr. Taf. 54. - Bergmann (1977) 26fF.
Taf. 2,3.

Robert, ASR II Nr. 94. 92. 99. 98. 96. - Redlich (1942) Nr. 94.

92. 99. 98. 69. - Robert, ASR III 1 Nr. 81. 71. 72. 188. 80.
79. 77. - Genua, Palazzo Doria, Alinari 30234. - C. Dufour Bozzo,
Sarcofagi Romani a Genova (196;) 54f. Nr. 30 Taf. 17-19. 20.
s. Anm. 92.

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