Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 63
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1 cm
facsimile
2.3.2.

DKR SARKOPHAG IN MÜNCHEN

Taf. 34,1) vom gleichen Sarkophag stammen. Dies kann allerdings nicht ohne weiteres als bewiesen gelten,
denn es gibt kein vergleichbares Detail des Mittelstücks, das sich zweifelsfrei als identisch mit denen der
beiden seitlichen Teile erweisen ließe. Wie die Bearbeitungsspuren auf der Rückseite zeigen, hatte das Mit-
telstück auch ein anderes Schicksal als die Seitenteile.

Bei dieser Sachlage kann es als ein in doppelter Hinsicht bedeutungsvoller Glücksfall angesehen werden,
daß ein Fragment mit einem Pferdevorderkörper in Chapel Hill (Kat. 23, Taf. 35,2) Bruch auf Bruch an
das Mittelstück des Münchener Sarkophages anpaßt315. Dadurch werden die Münchener Sarkophagfragmente
nicht nur in einer für den Gesamteindruck wichtigen Weise ergänzt. Das Pferd ist nun unmittelbar mit
dem Pferd am linken Rande zu vergleichen und läßt auf den ersten Blick eine vollkommene typologische
und stilistische Einheit erkennen. Der durch das Fragment in Chapel Hill ergänzte Sarkophag ist zu den
monumentalen, zweiszenigen Löwenjagdsarkophagen zu rechnen. Das Figurenrepertoire, das die Fragmente
bieten, kehrt in ähnlicher Form nur auf Sarkophagen dieser Gattung wieder, von denen jedoch kein einziger
genau mit dem anderen übereinstimmt. So kann man auch nicht erwarten, ein völlig übereinstimmendes
Vergleichsstück für dieses fragmentarische Exemplar zu finden.

D. Ohly316 hat schon bei der grundlegenden Publikation der Münchner Fragmente erkannt, daß sie tvpologisch
dem Sarkophag Mattei II (Kat. 128, Taf. 13,1) am nächsten stehen. Dafür spricht die Tatsache, daß am
rechten Rand, wo unten eine vom Jagdspeer durchbohrte Löwin am Boden liegt, keine Spur von den
gestreckten Hinterbeinen eines dem Jagdherrn entgegenspringenden Löwen vorhanden ist. Auf allen monu-
mentalen, zweiszenigen Löwenjagdsarkophagen, die einen von rechts heranspringenden Löwen zeigen, sieht
man in der rechten unteren Ecke dessen Hinterpranke. Da dies beim Fragment in München (Taf. 33,8) nicht
der Fall ist, muß man schließen, daß auf diesem Sarkophag wie auf den Exemplaren Mattei II (Kat. 128,
Taf. 13,1) und Villa Medici I (Kat. 192, Taf. 23,3) ein vom Jagdherrn eingeholter Löwe dargestellt war,
der den Kopf im Sprung zurückwendet.

Am linken Rand des Fragmentes mit dem Jagdherrn (Taf. 34,1) sind noch der Schulterbausch und die
Steilfalten vom Chiton einer stehenden Virtus erkennbar, die ihre linke Hand an den Schwertgriff gelegt
hat, wie sie ebenfalls auf dem Sarkophag Mattei II (Kat. 128, Taf. 13,1) begegnet. Dadurch wird die typologi-
sche Verwandtschaft zu diesem um die Mitte des 3. Jahrhunderts n.Chr. entstandenen Relief bestätigt. Sie
ist, was dieses Detail angeht, jedenfalls enger als die Ähnlichkeit zum Reimser Sarkophag (Kat. 75, Taf. 13,2),
auf dem die stehende Virtus zwar auch einen Schulterbausch trägt, aber mit einem Schild gewappnet ist,
der auf dem Münchener Fragment nicht begegnet. In dieser Einzelheit stimmen die Münchener Fragmente
(Kat. 50, Taf. 34,1) enger mit dem älteren Sarkophag Mattei II (Kat. 128, Taf. 13,1) überein als mit dem
zeitlich näherstehenden Sarkophag in Reims (Kat. 75, Taf. 13,2). Andererseits zeigen die Münchener Fragmente
(Kat. 50, Taf. 34,1) auch einen Figurentypus, der bei den Jagdsarkophagen zum ersten Mal auf dem Exemplar
in Reims (Kat. 75, Taf. 13,2) begegnet und dort die heroische Welt verkörpern sollte, in die der Grabinhaber
eintritt.

Gemeint ist der Jäger am rechten Rand (Taf. 33,8), der mit dem rechten Arm vor seinem Körper hergreifend
zu einem Schlag mit dem Schwert ausholt. Wie ein Puntello am rechten Rand der Münchener Sarkophagfront
(Taf. 33,8) oben lehrt, der sich in gerader Linie mit der Schwertklinge über dem Kopf des Jägers verbinden
läßt, hat er hier den Arm besonders weit nach oben geschwungen. Auch diese Bewegung spricht dafür,
daß auf dem Sarkophag ein sich zurückwendender Löwe dargestellt war. Eine Bewegung des Armes nach
unten, wie der nur mit einer Chlamys bekleidete Jäger am rechten Rand des Reimser Sarkophages (Kat. 75,
Taf. 13,2) sie zeigt, wäre aus Raumgründen nur bei einem nach links springenden Löwen möglich. Die Figur

3 E. Künzl und G. Koch habe ich für den ersten Hinweis auf dieses
Fragment und Überlassung eines Photos zu danken. I.H. Shoema-
ker stellte mir ausgezeichnete Photographien zur Verfügung, mit
Hilfe deren die Übereinstimmung mit den Münchner Fragmenten
festgestellt werden konnte. K. Vierneisel ging bereitwilligst auf
meinen Vorschlag ein, die Zusammengehörigkeit der Fragmente
durch die Übersendung eines Abdrucks der Bruchkante des
Münchner Fragmentes nach Chapel Hill zu beweisen. G. Koeppel,
dem die Verwandtschaft der Fragmente bereits aufgefallen war,
nahm an der Überprüfung teil und war so freundlich, mir das
Ergebnis sofort telefonisch mitzuteilen, so daß es noch in das bereits

im Druck befindliche Manuskript eingefügt werden konnte. Mein
Dank gilt auch dem Direktor des Ackland Museums, E. Turner.
6 Ohly (197°)- - Ders., Müjb 24, 1973, 239^ - Vgl. die Rekonstruk-
tionsskizze bei D. Ohly, Glyptothek München, Griechische und
römische Skulpturen (1972) 97 Abb. 28. - Da der Schöpfer dieses
bedeutenden Sarkophagreliefs eine neue Kompositionsform für die
Gruppierung der drei Figuren am linken Rande gefunden hat,
deren Feinheiten uns entgehen, wird hier von dem Versuch einer
Rekonstruktionsskizze abgesehen. Sie müßte in jedem Fall unbe-
friedigend ausfallen.

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