Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 88
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4.1.4. DIE SARKOPHAGE IN SIENA, SPOLETO UND S. ELPIDIO

pers führt, ist sie mit den Stilmitteln der Zeit gestaltet. Auch bei diesem Sarkophag ist es das niedrige,
langgestreckte Format, das eine Verbreiterung oder Erweiterung der geläufigen Szenen an beiden Rändern
verlangte. Das Verhältnis von Höhe zu Länge beträgt i 13,3, der Kasten ist also besonders langgestreckt.
Beim letzten Sarkophag dieser Reihe,in S. Elpidio (Kat. 204, Taf. 54,3), dem spätesten erhaltenen Sarkophag
des zweiszenigen Typus, der drei Generationen nach den frühesten bekannten Exemplaren dieser Gattung
entstanden ist, beträgt das Verhältnis von Höhe zu Länge hingegen 1 :2,4. Dieser Sarkophag strebt demnach
noch ein letztes Mal die monumentale Wirkung der großen Löwenjagdsarkophage an, die weniger eine
reliefverzierte Truhe für den Leichnam eines Menschen als vielmehr Bildträger und prunkvolles Denkmal
sein wollen. Dieser erneuerten monumentalen Gesinnung entspricht die ungemein sorgfältige und kunstvolle
Ausarbeitung des Sarkophags, der sich in der Figurenkomposition streng an das überkommene Schema
hält. Die beiden Szenen der Profectio eines Gepanzerten, dem durch einen Torbogen am linken Rand sein
Pferd vorgeführt wird, auf der linken Seite (Taf. 64,2) und des von Virtus gefolgten Löwenjägers zu Pferde
in der Mitte (Taf. 65,1) werden, wie bereits auf dem Sarkophag in Ince (Kat. 40, Taf. 52,1) am rechten
Ende durch die Gruppe eines zurückgewendeten Reiters abgeschlossen, der sich gegen die chiastisch hinter
dem Mähnenlöwen aufspringende Löwin wehrt (Taf. 65,2). Das Neuartige und Zukunftsweisende dieses Sarko-
phages liegt also nicht in der Komposition, die vollkommen retrospektiv ist, sondern im Stil. Die Sorgfalt,
die man auf die Herstellung des Sarkophagreliefs verwandte, geht schon aus der Hochpolitur des Marmors
hervor. Im Vergleich der Einzelformen mit dem Sarkophag in Spoleto (Kat. 208, Taf. h>2) kann man sie
einprägsam erfassen. Dazu bieten die charakteristischen Faltenformationen beim Chiton der Virtus (Taf. 63,1.3)
einen Anhaltspunkt. Sie sind überdies den Mäanderfalten bei den Victorien der Dezennalienbasis von 303/4420
und beim Lunatondo des Konstantinsbogens von 315 421 vergleichbar und begegnen auch auf dem verscholle-
nen Löwenjagdsarkophag, ehemals Cannes (Kat. 242, Taf. 5 5,4). Ebenso wie sich eine Entwicklung von
der Dezennalienbasis mit ihren rohen, den Bohrer gewaltsam und inkohärent einsetzenden Formen zur Kalligra-
phie und Formverfestigung des Konstantinsbogens abzeichnet, so kann man auch eine Entwicklung vom
Sarkophag in Siena (Kat. 206, Taf. 60,3), der das Motiv noch gar nicht kennt, über den verschollenen
Sarkophag (Kat. 242, Taf. 55,4), der etwa auf der Stufe der Dezennalienbasis steht und mit der Ordnung
in Mäanderformen beginnt, zu dem nun streng, aber krude ornamentalisierten Mäandersaum auf dem Sarko-
phag von Spoleto (Kat. 208, Taf. 63,1) in spättetrarchischer Zeit und weiter bis zum Sarkophag in S. Elpidio
(Kat. 204, Taf. 63,3-4) verfolgen, bei dem die Stilmittel der Ornamentalisierung und Kalligraphie ganz bewußt
zur Überhöhung eingesetzt werden. Der Faltenverlauf ist erstaunlich ähnlich wie auf dem Sarkophag in
Spoleto, aber die Stoffülle und die Zahl der Faltenzüge sind erheblich vermehrt worden (Taf. 63,1.3). Die
Mäanderfalten des Apoptygma stehen weiter ab und haben statt des unregelmäßigen bald rechtwinklig, bald
schräg verlaufenden Kniffs eine ziemlich gleichmäßige Z-Form angenommen. Der untere Saum des Chitons,
der bei der Virtus in Spoleto nur eine einzige mäanderartig aufgeworfene Falte bildet, ist hier durchgehend
in solche Z-Motive gelegt, wobei aber sorgfältig unterschieden wird zwischen dem Saum des übergeschlagenen,
unter der Gürtung nur kurz herabhängenden Stoffs, der aufgeplustert erscheint, und dem länger herabhängen-
den Teil des Chitons, der den Unterkörper bedeckt. Die Mäandermotive sind hier flacher. Die Schwere
des Stoffs, der am aufgebogenen Ende der schräg herabfließenden Faltenrinnen hochwippt und dadurch
die charakteristischen Z-förmigen Wellen bildet, wird abgesetzt von dem locker hängenden Apoptygmaende,
in das bei der raschen Bewegung der Figur der Wind hineinzufahren scheint. Auf die Ausarbeitung der
in parallelen oder spiegelbildlichen Zügen verlaufenden Falten ist größter Wert gelegt, selbst der genähte
Saum des schweren Gewebes ist durch einen feinen Randschlag wiedergegeben. Durch die Hochpolitur,
die dem Marmor gegeben wurde, sind alle scharfen Kanten weich geschliffen. Dadurch wirkt das Gewand
in ganz anderer Weise als bei den versteinten Formen des Sarkophags in Spoleto (Kat. 208, Taf. 54,2) entstoff-
licht. Die Sorgfalt, mit der das Gewand der Virtus zu einem ihre Erscheinung hebenden Ornament gestaltet
worden ist, wirkt in allen Teilen des Sarkophages in Sant'Elpidio, bei dem noch auf einige Einzelheiten
hinzuweisen ist.

420 Beste Abbildung: H. Kahler, Das Fünfsäulendenkmal für die Te- 421 Giuliano a.O. Abb. 57. - Andreae (1973) Abb. 623. - Vgl. Anm.

trarchen auf dem Forum Romanum (1964) Taf. 2,1. - Vgl. Anm. 416. - Vgl. auch die Victoria auf dem Relieffries mit der Darstellung

4M- der Schlacht an der Milvischen Brücke: Giuliano a.O. Abb. 38.

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