Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 98
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abgetan, das im Grunde hätte stutzig machen sollen: Wenn die Löwenjagdkomposition nicht nur für Kinder-
sarkophage verwendet, sondern sogar von Kindern selbst dargestellt werden konnte, dann mußte es fraglich
erscheinen, ob mit dieser Darstellung die »Jagd eines vornehmen Römers an den Grenzen des Imperiums«470
gemeint sein konnte. Es ist das gleiche Problem, das sich angesichts mythologischer Themen auf Sarkophagre-
liefs stellt, bei denen die Darsteller Kinder sind471. Da es sich nicht um reale, sondern um allegorisch
zu verstehende Darstellungen handelt, können sie auf Erwachsene und Kinder, kurz auf Menschen jeden
Alters und Geschlechtes angewandt werden. Es gibt Jagdsarkophage, in denen Kinder472, und solche, in
denen Frauen473 beigesetzt sind, die beide an realen Jagden gewiß nicht teilgenommen haben. Besonders
absurd wäre die Teilnahme von Kindern an einer Löwenjagd. Darüber könnte auch die von Vaccaro Melucco474
angenommene Sinnentleerung nicht hinwegtäuschen, gegen deren leichtfertige Konstatierung man besonders
in der Spätantike von vorn herein hätte mißtrauisch sein sollen.

Eine überraschende, aber keineswegs erstaunliche Hilfe bietet hier die einzigartige Inschrift auf dem Leib
des Löwen, die dem Verfasser erst bekannt geworden ist, als er schon längst einen Vorschlag zur Sinndeutung
der Einführung des Löwen in das bis in spätseverische Zeit von mythischen Eberjagden beherrschte Repertoire
der römischen Jagdsarkophage gemacht hatte475. Sollte sich die folgende Deutung der Inschrift auf dem
Sirio-Fragment als richtig erweisen, so müßte sie als eine völlig unabhängige Bestätigung der schon auf
dem Ersten Sarkophagsymposion 1970 vorgetragenen und oben476 näher ausgeführten Deutung der Sarko-
phagdarstellungen als Überwindung des Todes im Tode angesehen werden.

Die Inschrift ist mit einfachen, nicht sehr geübten Spitzmeißelhieben auf dem Leib des Löwen eingehauen
und zeigt ohne Worttrennung die Buchstabenfolge: sissirioh [____]. Die Inschrift ist zwar nachträglich ange-
bracht worden, aber sie ist wegen der tiefen Sinterspuren sicher antik und dürfte im Zusammenhang mit
der Aufstellung des Sarkophages eingetragen worden sein. Die einzige sinnvolle Worttrennung könnte lauten:

sis sirio h [____]. Auf dem fehlenden Hinterteil des Löwen fand sich Platz für nicht mehr als vier weitere

Buchstaben. Wie ein Blick ins Lexikon lehrt, gibt es im Lateinischen nur wenige Wörter mit fünf Buchstaben,
die mit H beginnen477. Von allen diesen Wörtern ergibt nur eines in der vorliegenden Wortfolge Sinn:
hervs. Sis Sirio herus ist der knappe auf diesem Grabmal ausgesprochene Wunsch, der in ihm bestattete
Knabe Sirio478 möge als Heros weiterleben. Diese Sinndeutung paßt so genau zu dem aus anderen Gründen

470 Rodenwaldt (1936) 84. 473 Kat. 3 Arles C Taf. 94,3; Kat. 150 Rom, S. Sebastiano II Taf.

471 Robert, ASR III 2, 276 sprach noch von einer Parodie des Mythos 74,2; Kat. 198 Pacca-Wien Taf. 91,4; Kat. 81 Rom, Catacombe
durch Amoren. Koch, ASR XII 6, 29 zu den Meleagersarkophagen di Domitilla Taf. 43,8.

mit Kindern oder Eroten Nr. 73-76 lehnt das mit Recht ab und 474 Vaccaro Melucco (1963/64) 34.

verweist in diesem Zusammenhang auf den neuen Ansatz zu einer 475 Andreae (1968/9) iöjf.-Ders. (1971) 119-122.

Deutung des Phämomens bei H. Sichtermann, "f;pü)Q Kap. 1.2.

r'MKvntKpoQ, RM 76, 1969, 288. Vgl. auch G. Koch, Ein Sarko- 477 he/ix, hepar, herba, heres, herus, hiems, honor, humns.
phag mit der Heimtragung Meleagers in Basel, AntK 18, 1975, 478 Der Name Sirio ist mehrfach belegt: A. Forcellini u.a., Lexicon

36fF. K. Schauenburg, der das außerordentlich umfangreiche Mate- Totius Latinitatis VI5 (1940) Onomasticon J-Z, 633 s.v.-CIL III

rial der Erotensarkophage für ASR V 2 bearbeitet, hat in AW 14007 (Bibinje in Dalmatien). - Der Name Sirio ist eine Variante

7, 3, 1976, 39-52 und 7, 4, 1976, 28-35 (Erotenspiele I. II) das des Namens Syrio, der häufiger belegt ist, z.B. Gabricevic, Vjesnik

Problem kurz behandelt und einige Sarkophage vorgestellt, auf Za Arheologiju i Historiju Dalmatinsku 55, 1953, 257, worauf

denen mythische Figuren von Putten dargestellt werden. Das Sar- G. Alföldy mich freundlicherweise aufmerksam macht. Vgl. dazu

kophagfragment in Innsbruck, Tiroler Eandesmuseum Inv. 8642, W. Pape, Wörterbuch der griechischen Eigennamen3 (1884) 1463

das F.. Walde-Psenner, Sonderdruck aus: Veröffentlichungen des und G. Alföldy, Die Personennamen der römischen Provinz Dal-

Museum Ferdinandeum 58, 1978, 131-134 Abb. 2 als Löwenjagd- matia (1969) 305. Die in der Inschrift gebrauchte Form Sirio müßte

Sarkophag gedeutet hat, ist wegen der auf den Jagdsarkophagen demnach der Vokativ sein. Zur Wunschformel ' sis' vgl. CIL VI, 2,

aufgegebenen Zweiteilung durch den Bogen und wegen der links 10736: ne sis molestus; CIL VI, 3, 17622: Sis memor antiqui Hominis;

anschließenden Szene mit einem Rest des Speeres ein Hippoly- CIL VI, 3, 32228,74: acceptor sis ho CIL VI, 2, 6976,8: sis

toskindersarkophag wie diejenigen in Rom, Vigna Sassi und in precor injermis minus inividiosa. M. Guarducci gab mir den Rat zu

den Katakomben von S. Callisto (Robert, ASR III 2, 1 91 f. Nr. 157 überprüfen, ob die Inschrift nicht auch sis sirio hospes gelesen werden

und 157a Taf. 49) sowie im Vatikan, Museo Chiaramonti (a.O. könnte und dann den Wunsch enthielte, der Verstorbene möge

192 Nr. 157'). auf den Stern Sirius entrückt werden. In dem umfassenden Artikel

472 Kat. 1 Ajaccio Taf. 75,6; Kat. 5 Avignon I Taf. 92,1; Kat. 12 über Sirius in der RE 2.R.III 1 (1927) 314-351 (Gundel) konnte
Benevent Taf. 89,6; Kat. 15 Berlin Taf. 89,3; Kat. 17 Berlin Taf. ich aber keinen Hinweis finden, der gerade den Sirius als einen
89,4; Kat. 74 Privatbesitz Taf. 74,1; Kat. 89 Rom, Catacombe di Stern erkennen ließe, zu dem die Seelen der Verstorbenen gelangen.
Pretestato Taf. 75,7-8; Kat. 101 Rom, Catacombe di S. Callisto Außerdem würde dann der Name des Angeredeten fehlen. Schließ-
Taf. 74,3; Kat. 107 Rom, Mus. Naz. Taf. 75,5; Kat. 141 Rom, lieh erscheinen 6 Buchstaben sehr viel für den vorhandenen Platz.
S. Lorenzo f.l.m. Taf. 83,13; Kat. 146 Rom, S. Maria Antiqua Während der Drucklegung schlug A. de Franciscis mir die Prüfung
Taf. 83,10; Kat. 167 Rom, Via Latina, Pankraziergrab Taf. 84,5; der folgenden Lesungsmöglichkeiten vor: SISSIRI • O-H • S • S •,
Kat. 176 Rom, Villa Albani Taf. 84,4; Kat. 197 Rom, Villa Medici d.h. Sissiri ossa hic sita sunt. Ein Name Sissirius ist aber, soweit
Taf. 89,5; Kat. 218 Vatikan, Magazin Taf. 84,2; Kat. 222 Vatikan ich sehe, nicht belegt.

Taf. 42,10; Kat. 224 Vatikan, Magazzino Galli Taf. 83,12; Kat.
247 Wien Taf. 91,6.

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