Andreae, Bernard [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (1,2): Die Sarkophage mit Darstellungen aus dem Menschenleben: Die römischen Jagdsarkophage — Berlin, 1980

Seite: 125
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nischer Architekturornamentik. Der Betrachter gewinnt den Eindruck, das Relief werde nicht mehr vom
Reliefgrund getragen, sondern wie ein Netz vor ihn gespannt. Dadurch wird die Entsinnlichung der plasti-
schen Form, die seit dem Stilwandel in der spätantoninischen Kunst ein Hauptanliegen der Sarkophagrelief-
kunst war, in entscheidender Weise verdeutlicht, wie sich in den fünfzehn auf Tafel 92-95 angeordneten
Sarkophagen in einzelnen Schritten verfolgen läßt.

Der Sarkophag in der Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1), ein nicht besonders qualitätvolles Exemplar, das
aber das Grundmuster der Treibjagdsarkophage am reinsten bietet, ist nach diesem Kriterium einer noch
nicht sehr fortgeschrittenen Stufe zuzuordnen. Die Figuren und Figurengruppen sind verhältnismäßig dicht
aneinandergeschoben und verdecken den Grund fast völlig. Die Bäume, an denen die beiden Netze festgemacht
sind, und ein weiterer zwischen dem Kapuzenreiter und dem ihm folgenden Jagdbegleiter sind noch nicht
so knorrig verästelt wie der Baum auf dem Sarkophag in Arles C (Kat. 3, Taf. 108), so daß man sich
fragen könnte, ob der Sarkophag in der Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1) nicht früher sein müßte als dieser.
Auf der anderen Seite ist der Sarkophag in der Villa Doria aber aufs engste verwandt mit dem Sarkophag
der Romania Celsa575, der nicht früher als 328 n.Chr. und nicht später als 342 n.Chr. sein kann. Die Stilver-
wandtschaft zwischen dem Jagdsarkophag in der Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1) und dem Sarkophag der
Romania Celsa in Arles zeigt sich in den starren Faltenrillen der dicklichen Gewänder, deren Gürtung
durch einen Bohrkanal angegeben ist, in den wellig geschnittenen Säumen, den pausbäckigen Gesichtern
und runden Köpfen mit ihren dichten vollen Haarkappen, in den plumpen Händen sowie ganz allgemein
in den untersetzten Figurenproportionen. Man wird diese beiden Sarkophage nicht weit voneinander trennen
wollen. Der Sarkophag der Romania Celsa ist aber erst nach dem Jagdsarkophag (Kat. 3, Taf. 94,4) im
Grabbau von Trinquetaille beigesetzt worden und demnach ein wenig später als dieser. Dies wird auch
auf den Sarkophag in der Villa Doria (Kat. 185, Taf. 95,1) zutreffen, dessen stilistische Ausarbeitung schon
von der Vorstellung eines Reliefnetzes bestimmt ist. Die Figuren entwickeln sich nicht mit abgerundeten
Körperformen aus dem Marmor heraus 576, sondern sind aus der Vorderfläche ausgeschnitten, wie ein Netz
vor den Grund gelegt und bekommen so diatrethaften Charakter. Sie gehen darin noch über das Reliefgefüge
des Jagdsarkophages in Arles C (Kat. 3, Taf. 94,4) hinaus, werden aber in dieser Beziehung selbst noch
übertroffen von dem Sarkophag in der Domitillakatakombe (Kat. 85, Taf. 95,2), mit dem sie durch die
Faltenrillentechnik verwandt sind. Hier zeigen besonders die Bäume den neuen Reliefstil schon vollkommen
ausgeprägt. Einzelheiten wie die mit dem Netzwerk der Baumkrone verspannte Hand des Jägers, der den
Speer auf den Eber niederfahren läßt, oder das am oberen Sarkophagrand gleichsam festgemachte hochwehende
Gewand des Jagdherrn sowie die Köpfe der Hirsche und des Kapuzenreiters rechts, die an den oberen
Rand stoßen, machen ebenfalls wie vergleichbare Erscheinungen am unteren Sarkophagrand die bewußte
Gestaltung des neuartigen Reliefgefüges augenfällig. Soweit der fragmentarische Zustand dieses Sarkophages
ein Urteil zuläßt, scheint der Reliefgrund jedoch noch ziemlich weitgehend von Figuren bedeckt gewesen
zu sein, jedenfalls wesentlich stärker als bei dem Sarkophag in Arles P. Hier übernehmen die knorrigen
Bäume mit ihren verzweigten und verästelten Kronen die tragende Funktion, die das Figurenrelief zusam-
menhält.

Die aus dem bekannten Jagdszenenrepertoire entnommenen Figuren sind hier erstaunlich locker aneinanderge-
reiht. Die Mitte nimmt der Hirschbezwinger (6) ein, links ist die F^berjagd (2) angeordnet und rechts die
Hirschtreibjagd (5), bei der der Steinmetz einen humorvoll beobachteten Vorgang in origineller Weise gestaltet
hat (Taf. 111,5). Zwei Männer machen sich am Netz zu schaffen, in dem sich ein gestürzter Hirsch verfangen
hat. Der eine versucht das vom Gewicht des Hirsches niedergedrückte Netz wieder zu spannen. Der andere
packt den Hirsch mit der Rechten am Geäse, drückt ihm mit der Linken das Genick nach hinten und
stemmt sich dabei mit dem gestreckten linken Bein nach Leibeskräften und mit krummem Buckel am
Hals des Tieres ab. Unter seinem erhobenen Bein ist ein Häschen durch das Netz geschlüpft und knabbert
etwas vom Boden auf. Alle Relieffiguren sind wieder durch eine eigentümlich abgekantete Form gekennzeich-
net, die auch die wulstig angelegten Gewandfalten trotz ihrer Bewegtheit platt erscheinen läßt.

Vgl. Anm. 562.

Vgl. Rodenwaldt (1921/22) 78 : »An Stelle der plastischen Rundung
herrscht das Bestreben, möglichst große Teile der Figuren in einem

flachen Relief auszubreiten, dessen Silhouette kantig umschnitten
und von dem zurückliegenden Grunde erhoben wird.«

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