Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 46
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TROISCHER KREIS

rechte Hand, welche der Ergänzer das Knie des Achilles
umfassen lässt, war wohl in derselben Haltung gesenkt,
wie auf 27. 28; den Kopf wendet sie wie hilfesuchend zu
ihren Schwestern zurück. Unter den die ganze linke Seite
der Platte einnehmenden Frauen fällt die eine mehr im
Hintergrund stehende Figur durch die ruhige Haltung und
das kurz geschnittene Haar (Rochette; bei Winckelmann
gleiche Haartracht wie die andern) auf; es ist wohl die
Mutter oder auch die Amme. Zu ihren Füssen liegt ein
umgestürzter Wollkorb (Geflecht deutlich bei Winckel-
mann; missverständlich als Amphora bei Rochette); auf
sie zu eilen von rechts und links mit vorgestrecktem Arm
zwei Lycomedestöchter im Chiton mit gegürtetem
Ueberschlag und Mantel, der (bei Winckelmann fehlende)
linke Arm der einen ist nachträglich ergänzt,; die am
Mantel der Deidamia erhaltene linke Hand ist bei Winckel-
mann übersehen. Die von diesen drei Figuren gebildete
Gruppe wird auf beiden Seiten eingefasst von den zwei
nach links fliehenden Mädchen im gegürteten Chiton und
über dem Kopf flatternden Mantel, die auf 28 die gesammte
Mittelgruppe einschliessen. An der linken Ecke ein eilig
hinweglaufendes Mädchen in gleicher Tracht; mit der
Rückwendung des Kopfes und den erstaunt erhobenen
Händen hat der Ergänzer wohl das Richtige getroffen.
Rechts die Achaeer: Ulixes in Exomis, Chlamys, Stiefeln
und Pileus (barhäuptig bei Winckelmann) erstaunt zurück-
fahrend (vgl. 20. 21). Die ursprüngliche Haltung seines
ergänzten rechten Armes wird sich mit Sicherheit kaum
feststellen lassen. Die Bewegung nach dem Schwertgriff",
die er bei Winckelmann macht, ist gewiss verkehrt; die
Hand machte vielmehr wahrscheinlich einen Gestus, der,
wie Zoega treffend bemerkt, die Befriedigung über das Ge-
lingen der List ausdrücken sollte, vgl. 2g. Zwischen seinen
Füssen liegt ein korinthischer Helm mit langem Busch.
Hinter ihm der Bläser, jugendlich, mit der Chlamys um
die Schultern; die aufgeblasenen Backen und das Mundstück
der Trompete sind bei Raoul Rochette kenntlich (bei
Winckelmann bärtig und in der Exomis). Die rechte Eck-
figur, ein Jüngling in derselben Stellung und Haltung wie
Ulixes, ist nach Raoul Rochette ganz modern. Und in der
That wäre für Diomedes, der an dieser Stelle dargestellt
gewesen sein muss, die Exomis statt der Chlamys oder des
Panzers eine unerhörte Tracht. Dagegen ist der am Boden
liegende Panzer antik; er gehört, wie der zwischen den
Füssen des Ulixes liegende Helm, zu den dem Achilles
dargebotenen Waffen.

30) F. Paris, Louvre Fig. 30. L. 0,55. H. 0,42. Zeich-
nung von Eichler 1880.

Im Musee Napoleon II 1804 pl. 60 ist das Fragment in dem-
selben Zustand wie auf unserer Tafel mit der Notiz: Ce bas-relief
riest point encore expos'e abgebildet. Später wurde es, nachdem der

fehlende untere Rand ergänzt war, mit einer Darstellung des Ama-
zonenkampfes zu einem Stück verbunden und zunächst im Hof des
Louvre mit einer Anzahl aus V. Borghese stammender Reliefplatten
angebracht; s. Clarac Musee de sculpture pl. 99 in der rechten oberen
Ecke des linken Feldes. Dieses Pasticcio bilden Bouillon und Clarac
ab, indem sie die starken Ergänzungen ausdrücklich hervorheben, und
geben als Provenienz des ganzen Stücks Villa Borghese an, eine Notiz
die nur für das Stück mit dem Amazonenkampf zutreffen kann,
da die Sammlung Borghese erst 1808 nach Paris kam, 30 aber
schon 1804 in Louvre war. Nach 1871, als man in 30 eine Dar-
stellung des Achill auf Skyros erkannt hatte, wurden beide Stücke
wieder getrennt und das Fragment mit dem Amazonenkampf als
gänzlich modern in die Magazine verwiesen, wo es Heron de
V[LLEfosse bei seinen auf meine Bitte im Jahre 1885 angestellten
Nachforschungen nicht mehr aufzufinden vermochte; (s. dies Frag-
ment unter Amazonen). Dass das Achillesfragment gleichfalls aus
Rom stammt und schon im Anfang des 17. Jahrhunderts bekannt
war, scheint aus dem jetzt in Madrid befindlichen Bilde von Rubens
„Achill am Hof des Lycomedes" zu folgen, auf welchem die Figur
des Ulixes diesem Fragment entnommen ist; das Bild ist vor 1618
gemalt, s. Rosenberg Rubensbriefe S. 44 Nr. 22.

Abbildungen: Musee Napoleon II 1804 pl. 60. — Bouillon
Musee des Antiques III (Bas Reliefs) 1 817 pl. XXIII bis, 7. — Clarac
Musee de sculpture 1826 II pl. 146, 233 nr. 778. Danach Wiener
Vorlegeblätter Ser. B Taf. VII Nr. 3.

Litteratur: Petit Rädel im Musee Napoleon a. a. O. p. 127;
St. Victor bei Bouillon a. a. O. p. 27; Welcker Zeitschrift für
Geschichte und Auslegung der alten Kunst 1818 S. 426; Clarac
II 1841 p. 645; O. Jahn Archäologische Beiträge 1847 S. 354 (O);
ders. Revue arch'eologique IV 2, 1848, p. 463; Overbeck Bildwerke
zum thebischen und troischen Heldenkrcis S. 292 Nr. 75.

Am linken Rand ist der wehende Mantel (vgl. 28. 29)
der hier rechts neben Achilles knieenden (vgl. 31) Deida-
mia Und die linke Seite einer in ihren Mantel gehüllten
Figur, wohl der Amme (vgl. 29. 33), erhalten. Rechts folgt
Diomedes mit Helm und auf der linken Schulter auf-
liegender einst über den linken Arm geworfener, mit
Spange versehener Chlamys; die rechte Hand vor die Brust
erhoben, prallt er erstaunt zurück, wie Ulixes auf 29;
der linke gebogen vorgestreckte Arm hielt wohl das in
der Scheide steckende Schwert, von welchem der Rest
über dem linken Oberschenkel herrühren wird. Zwischen
seinen Beinen ist der obere Theil eines scheibenförmigen
Gegenstandes erhalten, den der Verfertiger des Pasticcio
zu einem Schild ergänzt hatte; es ist wohl eher ein Spiegel
(vgl. 29). Dann der Trompeter in gegürtetem Chiton
mit kurzen Aermeln und Stiefeln; er stösst, eilig nach links
vorschreitend, in die mit beiden Händen gehaltene Trom-
pete. Es folgt Ulixes im Pileus, gegürteten Chiton und
Chlamys mit Spange, mit ausgestreckter Rechten auf Achilles
zueilend, wie um ihn zu fassen (vgl. 27. 28); der linke in
die Chlamys gehüllte Arm ist zur Brust erhoben; zwischen
dem Zeige- und Mittelfinger ist eine Marmorstütze stehen
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