Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 124
Zitierlink: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/asr2/0142
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen Nutzung / Bestellung

0.5
1 cm
facsimile
TROISCHER KREIS

versichtlich angenommen werden, dass die Reiterfigur zur
Linken nicht ein bärtiger Krieger, sondern, eine Amazone
war, vgl. das Kämpferpaar am rechten Ende der linken
Seitengruppe von 90, das nur etwas mehr nach links ge-
rückt ist, und die beiden weiter von einander getrennten
Figuren im Hintergrund der linken Seitengruppe von 94.

Endlich erscheint auf dem Original über dem linken
Oberarm der Penthesilea noch grösstentheils auf dem an-
tiken Reliefgrund ein ganz in Vorderansicht gestellter
Frauenkopf von sehr modernem Aussehen. Ungefähr an
derselben Stelle zeigt Fig. ioo' einen mit einem Kreis
geschmückten Rundschild und darunter einen unklaren
Rest, der zur Noth als ein linker Arm verstanden werden
kann. Vielleicht war an dieser Stelle wie auf 8g. 90. 96
der kopfüber niederstürzende Krieger angebracht, nur etwas
höher wie dort, also noch nicht den Erdboden berührend,
sondern noch im Fall begriffen. Aus seinem Schild wurde
bei Herstellung des Pasticcio ein Frauenkopf gemacht.

Das andere Fragment Fig. 101. Fig. ioi' enthält die
rechte Seitengruppe eines Penthesileasarkophags mit den-
selben beiden Hauptfiguren wie auf 88. 8g. go. g-q.. g5- gj.
Die Vergleichung mit diesen Repliken ergiebt weiter, dass
das Bruchstück sowohl im Pasticcio als in der Zeichnung
Fig. ioi' verkehrt gestellt ist, so dass die Figuren zu weit
nach links übergeneigt sind. Der obere und untere Rand der
Zeichnung ist somit von dem Zeichner willkürlich ange-
geben. Dreht man die Zeichnung so, dass die beiden Haupt-
figuren ihre richtige Stellung erhalten, so kommt der jetzt
aufrecht stehende Oberkörper der unten am Boden sitzenden
Amazone in eine schiefe Lage und man erkennt, dass es der
Torso der von Achill gehaltenen Penthesilea ist, den der
Zeichner irrthümlich zu einer sitzenden Figur ergänzt hat.
Hierdurch erhält auch die auffallende Grösse der Figur
ihre Erklärung. Da nun auf 100 der Körper der Penthe-
silea gleichfalls erhalten ist, so müssen die beiden Frag-
mente 100 und 101 von verschiedenen Sarkophagen her-
rühren. Ueber den beiden, im Wesentlichen noch jetzt
erhaltenen und in der Zeichnung richtig wiedergegebenen
oder richtig ergänzten Hauptfiguren erscheinen in der
Zeichnung Fig. ioi' ein nach links fliehender bärtiger Reiter
in Helm und Chiton (?), in der Linken das Schwert, und
eine ihn verfolgende berittene Amazone, die an dem vor-
gestreckten rechten Arm den Schild und in der linken
Hand die Bipennis trägt. Obgleich ein ähnliches Versehen
in der Verwendung der Hände auch auf gy und g8
unzweifelhaft vorliegt, so kann doch in diesem Fall
die Wiedergabe beider Figuren schon deshalb nicht
dem Original entsprechen, weil die falsche Stellung des
Fragments und die falsche Richtung des oberen Randes die
Voraussetzung für die Composition dieser Gruppe bilden.
Vielmehr hat man von vorn herein eine sehr weitgehende

missverständliche Ergänzung des Zeichners anzunehmen.
Erhalten ist jetzt nur noch das Vordertheil des ersten
Pferdes, aber mit ergänztem Kopf; doch macht die Verglei-
chung mit der an derselben Stelle auf g/[ angebrachten
Figur es wahrscheinlich, dass die von dem Zeichner als
bärtiger Krieger missverstandene Figur in Wahrheit die ihrer
Genossin zu Hilfe sprengende Amazone, die als verfolgende
Amazone aufgefasste Gestalt aber der Trompeter war.
Der rechte fälschlich mit dem Schild versehene Arm der
Amazone ist der die Tuba haltende Arm des Bläsers, dessen
Richtung zugleich die Stelle und den Lauf des ursprüng-
lichen oberen Randes erkennen lässt. Im unteren Raum
erscheint unter den beiden Hauptfiguren ein zu Boden
gestürzter bärtiger Krieger, der sich mit erhobenem Schild
zu decken sucht. Auch diese Figur muss grösstentheils
auf freier Erfindung des Zeichners beruhen, da sie auf dem
fälschlich supponirten unteren Rand liegt. Sicher antik
ist nur der noch jetzt erhaltene linke Arm mit dem Schild.
Vergleicht man die an derselben Stelle auf 8g. go an-
gebrachten Figuren, so ergiebt sich, dass der Arm dem
mit seinem Ross gestürzten Krieger gehört, den eine im
Reliefgrund knieende Amazone mit hochgeschwungener
Bipennis bedroht. Auf der Zeichnung Fig. ioi' erscheint
am rechten unteren Ende in der That auch diese Ama-
zone, allerdings nach rechts blickend und schlagend, was
aber unbedenklich auf ein Versehen oder eine Willkürlich-
keit des Zeichners zurückgeführt werden darf. Unter dem
Ross der nach rechts sprengenden Amazone bemerkt man
auf dem Pasticcio noch zwei Schilde, während die Zeich-
nung Fig. ioi' nur den oberen peltaförmigen und statt
des unteren eine unverstandene Masse giebt, die wohl der
Rest eines linken, diesen Schild haltenden Armes ist. Auf
dem Pasticcio liegt also wieder Ueberarbeitung vor; ur-
sprünglich war wohl an dieser Stelle eine kopfüber zu
Boden stürzende Amazone angebracht.

102) F. Rom, Pal. Giustiniani, in der Eingangs-
halle über einer Thür eingemauert. Fig. 102. Mit
dem Fragment eines Koresarkophags zu einem Pasticcio
verbunden und vielfach ergänzt; doch gestattete die un-
günstige Anbringung und der geschwärzte Zustand die An-
satzspuren nur bei dem linken Bein und dem Schilde des
Kriegers rechts zu erkennen. Modern sind ferner nach
Matz der Kopf des kleinen knieenden Kriegers und der
Pferdekopf in der rechten oberen Ecke, nach von Duhk
auch der Kopf, die Unterbeine, der rechte Arm und die
linke Hand der Amazone. L. 0,85. H. 1,02. Reliefhöhe
0,20. Zeichnung von Eichler 1876.

Ueber den Erwerb der Giustiniani'schcn Antikensammlung
durch den Principe Vincenzo Giustiniani (in den Jahren 1628 bis
1630) s. von Sandkart Teutsche Academie der Edlen Bau- Bild-
und Mahlerey-Künste 1675 I S. 40.
loading ...