Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (2): Mythologische Cyklen — Berlin, 1890

Seite: 179
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ORESTES Tafel LVII

179

sepolcri tav. 22, danach in beistehender Textabbildung).
Ein zweiter Baum wird zwischen Iphigenia und den Ge-
fangenen sichtbar.

Die rechte Eckscene, die
wieder durch einen Baum von
der Mittelscene geschieden
ist, stellt den Kampf am
Meere dar. Sie enthält die-
selben Figuren, wie die rechte
Eckscene am Deckel von 1553
ausserdem aber ist am linken
Ende noch einmal Iphigenia
dargestellt und so die ur-
sprünglich einheitliche Scene

opferschüssel u. opferschaufel m zwej kleinere, zeitlich auf-
einanderfolgende Scenen zerlegt, den Kampf am Ufer
und die Flucht aufs Schiff. In der Kampfscene er-
scheint Iphigenia noch in der Gewalt der Scythen, ent-
sprechend der Botenerzählung bei Euripides V. 1354

rißslg 0' atysloyjaavTsg, &g sasioojusv

ookia Texvypuzr, sl%6ßsaB,a ryg givyg
und V. 1364

äXX ovosv TjCGOv eiypfJLecda TVjg %hr,g

Kai Trpög d STrsaQ-ai oisßiaQoßsaiyd viv.
Iphigenia, in einem die rechte Schulter freilassenden
Chiton und schleierartig über den Hinterkopf gezogenen
Mantel, hält in ihren verschränkten Händen das geraubte
Idol, das liier, abweichend von der Darstellung in der
linken Eckscene, in der Linken eine kurze brennende
Fackel trägt, und blickt angstvoll auf die Kämpfenden. Von
den beiden Scythen hat der hingesunkene, der sich hier
nicht mit dem Schild, sondern mit der über den linken
Arm geworfenen, auf der rechten Schulter gehefteten
Chlamys deckt, ein so vornehmes Aussehen, dass ihn
Winckelmann für Thoas hielt, der indessen auf den Sarko-
phagen niemals in scythischer Nationaltracht, sondern
entweder in heroischer Nacktheit 177. 178 oder im Theater-
costüm 155 erscheint. Der den Gefallenen vertheidigende
Scythe ist'hier barhäuptig; sein tief gehaltener Schild
lst mit einem Palmettenornament verziert. Der die Scythen
bekämpfende Jüngling wird hier, wo zwei Scenen unter-
schieden sind, Orestes zu benennen sein, so dass Pylades
beide Male weggeblieben ist. Er entspricht genau dem
Pylades auf 155, nur trägt er noch einen geschuppten Schild.
E*ie drei Figuren der rechts folgenden Scene sind die-
selben, wie am rechten Ende von 155, nur erscheinen
Sle in etwas anderer Haltung. Der die Schiffstreppe hin-
aufeilende Orestes wendet dem Beschauer den Rücken,
die rechte Hand mit dem Schwert ist höher gehoben, die
Chlamys flattert im Wind. Iphigenia, die auch hier
ganz in ihren über den Kopf gezogenen Mantel, den sie
,T"it der rechten Hand anfasst, gehüllt ist, blickt ängstlich

nach dem Ufer zurück; das Dianabild fehlt. Der mit
einem Schurz bekleidete Gefährte des Orestes umfasst
sie mit der Rechten und scheint sie halb gewaltsam nach
rechts fortziehen zu wollen. Das Schiff ist mit zwei
Delphinen und einem Widder verziert.

An der rechten Schmalseite Fig. 167 b ist, wie in der
linken Eckscene des Deckels von 155 und wie auf 156a,
die Erkennung der Geschwister dargestellt. Nur ist
hier hinter Iphigenia noch ein bärtiger Scythe angebracht,
der, mit dem linken Bein auf einer Felserhöhung knieend,
mit beiden Händen einen Schild emporhebt; man hat sich
wohl vorzustellen, dass er ihn den Gefangenen abgenom-
men hat und nun als Trophäe aufhängen will. Der Scythe
ist barhäuptig, bekleidet mit kurzem Aermelchiton, Hosen
und Schuhen. An der Seite trägt er ein kurzes, in der
Scheide steckendes Krummschwert. Iphigenia, Orestes
und Pylades sind fast genau wie auf 156a dargestellt; die
Schreibtafel in der Hand der Iphigenia ist hier besonders
deutlich. Die Figuren des Pylades und des Orestes sind,
vermuthlich weil der Sarkophag in einer Nische aufgestellt
war, nur abbozzirt, dafür aber auf der linken Schmalseite
Fig. 167a mit geringen Modificationen, nach rechts, also
der Vorderseite zugewandt, wiederholt. Beide erheben
hier den rechten Arm; Pylades legt die linke Hand aufs
Knie, Orestes streckt den linken Arm gebogen vor.
Zwischen den Füssen des Pylades ist die als Brief behälter
dienende Kanne noch einmal angebracht. Auf der linken
Hälfte dieser Schmalseite ist in flüchtiger Weise ein Felsen
angedeutet.

Der als niedriges Giebeldach gestaltete Deckel ist auf
seiner Vorderseite mit Guirlanden aus Blumen, Eichen-
und Lorbeerblättern verziert, die von drei Amoren und
vier Adlern getragen werden. Als Eckmasken sind
Jünglingsköpfe mit struppigem Haar verwandt; trotz der
fehlenden Mütze sind vermuthlich Scythen gemeint, vgl.
155. Die niedrigen Giebelfelder an den Schmalseiten sind
in ihrer nach der Vorderseite hin liegenden Hälfte mit
Delphinen geschmückt; die andere Hälfte ist roh gelassen.

168) F. F. Rom, das eine Fragment Fig. 168 Villa
Albani im siebenten Zimmer des Erdgeschosses, sehr stark
ergänzt, wahrscheinlich mit Benutzung der Pozzo-Zeich-
nung, die sich bis zum Jahre 1762 in Albani's Besitz befand,
das andere Fig. 168a Vatican, Museo Chiaramonti,
sehr zerstört, aber ohne alle Ergänzungen. Fig. 168 L. 0,67.
H. 0,42; Fig. 168 a L. 0,40. H. 0,42. Zeichnung von
Eichler 1885.

Die aus diesen beiden unmittelbar aneinander schlicssenden
Bruchstücken bestehende Sarkophaghälfte war in ungebrochenem
Zustand bereits um die Mitte des sechszehnten Jahrhunderts in
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