Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,2): Einzelmythen: Hippolytos - Meleagros — Berlin, 1904

Seite: 220
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terracotta - relief im museo gregoriano.

L. LEUKIPPIDEN.

Die Sage von der Entführung der Töchter des Leukip-
pos durch die Dioskuren, ein lakonisch-messenischer Local-
mythos, spielt eine weit grössere Rolle in der Kunst als
in der Poesie, wo sie nur im Epos und der älteren Lyrik
Boden gefasst hat. Dagegen hat das von Polygnot im
athenischen Anakeion gemalte Wandbild auf die Kunst des
fünften Jahrhunderts mächtig anregend gewirkt, so dass

Vorbild sind die beiden Römer mit Sabinermädchen im
Arm auf dem Revers der Denare der gens Tituria,
die um 88 v. Chr. angesetzt werden, jedesfalls aber in
die erste Hälfte des ersten vor-
christlichen Jahrhunderts gehören
(Babelon Monnaies de la republique
romaine II 496 .w.; s. die bei-

man in jener Zeit seinen Spuren sowohl in der Vasen- stehende Textabbildung, nach einem

maierei als in der Reliefplastik vielfach begegnet1). Dann
aber folgt eine grosse Lücke; auch von der Kunst scheint
der Mythos, der in der hellenistischen Zeit nur noch in
dem Theokritischen Epyllion (XXII) eine ziemlich unbe-
achtet gebliebene Behandlung erfahren hat, vergessen zu
werden2), bis er in der Zeit des Augustus oder kurz
vorher eine neue künstlerische Gestaltung erfuhr, die
sich zwei Jahrhunderte lang grosser Beliebtheit erfreute.
In zwei streng symmetrischen Gruppen werden die beiden
Dioscuren vorgeführt, wie sie mit den sich heftig sträu-
benden Mädchen im Arm eilig davon oder eigentlich
auf einander zu stürmen. Charakteristisch ist dabei die
horizontale Lage der Frauenkörper, für die sich allerdings
Vorstufen schon auf älteren von Polygnot beeinflussten
Bildwerken finden lassen, z. B. auf dem Fries von Gjölbaschi
Taf. 16 und am Nereiden-Monument, Mommienti deW In-
stitute X tav. XII 16. 17. Allein die Berührungspunkte sind
so schwach, dass die Abhängigkeit der Sarkophage selbst
dann sehr fraglich sein würde, wenn sich für diese nicht
ein anderes und näheres Vorbild nachweisen liesse. Dieses

Exemplar des Berliner Münzcabi-
nets, in doppelter Vergrösserung).
Der neue Typus ist also zweifel-

/r denar der gens tituria.

los auf römischem Boden entstan-
den; es genügte die Hinzufügung von Pileus und Stern,
um die beiden Römer in die Dioscuren zu verwandeln. So
umgestaltet findet sich die Gruppe auf einem Gefäss aus
Terra sigillata (Dragendorff Bonner Jahrbücher XCVI.
XCVII S. 135 Fig. 2) und auf einem in zwei Repliken er-
haltenen Relief augusteischer Zeit1), wo sie als Decoration
eines grossen der Darstellung eingefügten Kraters verwandt

') Beide im Louvre [Catalogue sommairc des Marbres antiqucs p. 1
nr. 8. 110 tir, 1891), das eine (Schreiber a.a.O. Taf. 49 und Archaeo-
logische Zeitung XX 1862 Taf. 166) aus Cherchel, das andere (Schreiber
a.a.O. Taf. 50, und Gori Inscript. antiquae I tab. 18, 1) aus Florenz.
Engelmann's Zweifel an der Aechtheit, die auch von Benndorf a. a. O.
S. 165 A. 1 getheilt werden, beruhen der Hauptsache nach auf der
Voraussetzung, dass es sich nur um ein einziges Relief handele, und
fallen, da diese nicht zutrifft, in sich zusammen. Die Deutung der un-
vollständig erhaltenen Darstellung bietet zwar im Einzelnen noch manche
Schwierigkeit, doch scheint so viel klar zu sein, dass die Hauptfigur
eine personificirte Stadt ist, vielleicht eine africanische, zumal neben
ihr Atlas mit der Himmelskugel erscheint, wie auf der Medaille des
*) Vgl. Benndorf Das Heroon von Gjölbaschi-Trysa (Jahrbuch der Antoninus Pius (Babelon Medailles impiriaks II2 366). Die Stadt-

Kunsthistorischen Sammlungen des Allerhöchsten Kaiserhauses 1889) göttin lehnt sich auf den im Text erwähnten Krater, der seiner Form

S. 166ff.; Robert Die Marathonschlacht in der Poikile und Weiteres und Decoration nach in dieselbe Classe mit dem Salpion-Krater und

über Polygnot (XVIII Hallisches Winkelmannsprogramm) S. 53 fr. seinen Verwandten gehört und gewiss nach einem solchen copirt ist.

2) Die Deutung der etruskischen Urnen bei G. Körte Le urne etruscke Diese Marmorkratere sind aber nicht älter als die Zeit des Augustus,

II tav. 37. 38 auf den Raub der Leukippiden ist mehr als unsicher. einzelne sogar erst hadrianisch.
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