Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 378
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NIOBIDEN.

Stirn zu einer Schleife zusammengebunden. Die Tochter I
läßt Kopf und Arme schlaff herabhängen; ihr Nacken ist
entblößt, das Haar in der sog. Melonenfrisur geordnet.
An diese zweifigurige Gruppe schließt sich rechts eine
von drei Figuren an: die sich zu einer sterbenden Niobide
niederbeugende Amme und die mit wehendem Mantel nach
links fliehende Niobide. Über die Vorbilder dieser Figuren
s. oben S. 373 f.

Mit dieser Gruppe korrespondiert die Gruppe 1. von
Apollo. Ein Sohn der Niobe, der, den Mantel um den lin-
ken in die Höhe gebogenen Arm gewickelt, in der L. zwei
Speere, die R. entsetzt erhoben, den Pfeilen des Gottes zu
entrinnen sucht, bildet das genaue Gegenstück zu seiner
nach derselben Seite bewegten Schwester (vgl. über diese
Figur oben S. 374), die Gruppe des seinen sinkenden Bruder
stützenden Niobiden das zu der Amme mit dem sterbenden
Mädchen. Daß die Gruppe der beiden Jünglinge der von
Pylades und Orestes nachgebildet ist, wurde schon oben
S. 374 bemerkt. Um sie aber für den neuen Zusammenhang
brauchbar zu machen, wo der Gestützte kein Wahnsinniger,
sondern ein Sterbender ist, läßt der Künstler dessen Haupt
tiefer gesenkt und seinen r. Arm nach rückwärts gestreckt
sein und den stützenden ihn nicht unter der Achsel, son-
dern am Brustkasten fassen, wobei er den Kopf nach rück-
wärts wendet, wie um nach dem Schützen zu suchen, der
den tötlichen Pfeil abgeschossen hat1}. Die links folgende
Gruppe des Pädagogen und des Knaben ist das Gegen-
stück zur Niobe. Die Gewandung des Pädagogen ist von
der seines Vorbildes aus der Florentiner Gruppe sehr ver-
schieden, jedoch, wie bereits bemerkt, der seines Gegen-
stücks auf dem Diskus recht ähnlich. Wie dieser trägt er
ein langes Untergewand, einen schweren Mantel und Schnür-
schuhe, außerdem hat er aber noch ein Ziegenfell auf dem
Rücken und hält in der vorgestreckten Hand den Krumm-
stab. Der Knabe läuft nicht wie in der Florentiner Gruppe
neben ihm her, sondern flüchtet sich in seine Arme. Der
fünfte Sohn und die fünfte Tochter werden, tot auf dem
Rücken liegend, jener zwischen den Füßen des Apollo,
diese zwischen denen der Diana sichtbar.

J) Es mag bei dieser Gelegenheit darauf hingewiesen werden, daß,
von dem Berichterstatter verkannt, eine weitere Variante dieser Darstellung
auf dem von Pharmakowskv Arch. Anz. 1906 S. m Abb. 1 publizierten
Bronzeemblem aus dem Kubangebiete vorliegt. Wie auf den Orestes-
Sarkophagen ist eine Erinys zugegen, aber die stützende Figur ist eine
Frau; ohne Zweifel also Orestes von Elektra gehalten und das Ganze eine
Illustration zum ersten Epeisodion des Euripideischen 'Opsor^c. Die Frage
wäre sogar berechtigt, ob nicht die Gruppe für diese Szene erfunden sei,
wenn nicht Orestes, wie auf den Sarkophagen, in der Hand die leere
Schwertscheide hielte. Dies entscheidet für die Entlehnung; denn wäre die
Gruppe für den üpioTTj? erfunden, so hätte ihm der Künstler entweder
keine Waffe oder den von Apollon geschenkten Bogen in die Hand ge-
geben (V. 268 ff.). Eine vierte Verwendung der Gruppe findet sich auf
einer der Metopen von Neu-Ilion, Dörpfeld Troja und Ilion II Beil. 51,1
zu S. 432 f.

Die rechte Schmalseite Fig. 312b zeigt den Tod der
beiden übrigen Söhne. Der eine ist von einem Pfeil, der
diesmal plastisch angegeben ist, in die linke Hüfte getroffen.
Mit zurückgeworfenem Kopf zusammenbrechend sucht er
den Pfeil mit der L. herauszuziehen, während er die R.
krampfhaft vorstreckt; über seinen Rücken fällt ein langer
Mantel. Über das Vorbild dieser Figur s. oben S. 373.
Sein Bruder liegt, gleichfalls mit einem Mantel bekleidet,
tot auf dem Rücken; sein gezäumtes Pferd springt über
ihn hinweg, vgl. 313 b und 319 a.

Auf der linken Schmalseite Fig. 312a ist der Tod
der sechsten und der siebenten Tochter dargestellt. Die
eine bildet das genaue Gegenstück zu ihrem Bruder auf
der rechten Schmalseite, nur daß sie des Kontrastes wegen
in Rückenansicht dargestellt ist. Nach 1. laufend sucht sie
einen, auch hier plastisch angegebenen, Pfeil aus ihrer rechten
Hüfte herauszuziehen, während sie den linken Arm weit vor-
streckt. Ihre Bekleiduno- besteht aus einem feinen ung-e-
gürteten Chiton und einem schmalen Mäntelchen, dessen
einer Zipfel über den vorgestreckten Arm fällt, während
der andere von ihrer rechten Hüfte hoch emporflattert.
Ihre Schwester lehnt sich mit wenig zurückgebogenem Kör-
per an einen Pfeiler, auf dem der rechte Arm aufliegt. Der
Kopf ist weit zurückgeworfen, das linke Bein ist etwas
emporgehoben, die linke Hand liegt auf dem Knie, als ob
hier eine Wunde säße. Über das attische Vorbild, an das
auch der feine von der I. Schulter abgleitende Chiton und
der schwere, um den Unterkörper geschlungene Mantel er-
innert, s. S. 374. Ein Parapetasma, das man eigentlich
hinter diesen Figuren erwarten würde, ist nicht angebracht.

Der Deckel zeigt auf seiner Frontseite Fig. 312 vor
einem die ganze Bildfläche einnehmenden Parapetasma die
Leichen der sieben Töchter und der sieben Söhne; wie an
dem Kasten nehmen die Töchter die linke, die Söhne die
rechte Hälfte ein. Die Geschwister liegen paarweise über
einander hingestreckt; nur am rechten Ende jeder der bei-
den Gruppen erscheinen die siebente Tochter und der
siebente Sohn isoliert, jene, die den Mittelpunkt der Kom-
position bildet, in der Stellung der Clytaemestra von den
Orestes-Sarkophagen II 155—160. Sie und ihre dritte
Schwester von links sind mit entblößtem Oberkörper nur
mit dem Mantel bedeckt dargestellt, während die übrigen
Mädchen den Chiton tragen. Unter diesen bildet die zweite
von links in ihrer Lage das Gegenstück zu der Mittelfigur.
Die Söhne sind teils mit der Chlamys bekleidet, teils
nackt; der am weitesten nach links liegende ist dem Toten
der Florentiner Gruppe nachgebildet; nur mußte die Lage
des rechten Armes verändert werden, um ein Übergreifen
in die Reihe der Mädchen zu vermeiden.
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