Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 412
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PHAETHON

Für die Bittszene ist es klar, daß Phaethon nicht als
Ankömmling, sondern im Palast seines Vaters weilend ge-
dacht ist. Seine Mutter, die Oceanide Clymene, hat nicht,
wie bei Euripides und Ovid, den Äthioperkönig Merops
geheiratet, der den Sohn des Sonnengottes als seinen
eigenen aufzieht; im Hause seines göttlichen Vaters wird
Phaethon groß, und auf 345 sehen wir auch seine Mutter
bei der Bittszene gegenwärtig, offenbar dem Sonnengott
zuredend wie bei Lukian a. a. O. und Nonnos XXXVIII 217.
Das ist also die Version, die bei Hesiod, Aischylos und in
dem von G. Knaack in seinen Qiiaestiones Phaethonteae so
glücklich rekonstruierten hellenistischen Epyllion stand und
wahrscheinlich die älteste Form des Mythos war. Auf dem
Stuckrelief hingegen und augenscheinlich auch in der Do-
mus aurea steht Phaethon zum erstenmal seinem göttlichen
Vater gegenüber. Das ist die von Ovid aus Euripides
entnommene Sagenform. Auch daß die Jahreszeiten den
Hofstaat des Sonnengottes bilden, darf auf jenes helle-
nistische Epyllion zurückgeführt werden, da dasselbe bei
Ovid und Nonnos steht; jedenfalls kann die Vorstellung
nicht älter sein. Dagegen wissen weder diese beiden
Dichter noch die übrigen von dem Epyllion abhängigen
Schriftsteller etwas von den Windgöttern als Rosseknechten
des Sonnengottes; dafür ist uns dieses Motiv noch auf zwei
durch mehrere Jahrhunderte voneinander getrennten Gemäl-
den begegnet, in der Domus aurea und in den Thermen
von Gaza.

Der Sturz des Phaethon ist als der eigentliche Kern
des Mythos allen Versionen gemeinsam. Nur bei den Meta-
morphosen kann die Frage nach einer bestimmten Quelle
berechtigt scheinen. Hier könnte man meinen, daß die

Liebe des Cycnos zur Voraussetzung hat, daß Phaethon
auf Erden, der Schmerz der Heliaden, daß er im Sonnen-
palast aufwächst1). Aber beide Metamorphosen waren
vielleicht schon bei Hesiod, sicher im Epyllion mitein-
ander verbunden und bleiben es in der Kaiserzeit konstant.
Schwierigkeit aber macht der Pädagoge; im Sonnenpalast
ist für ihn kein Platz, wohl aber am Hofe des Merops.
Indessen sowohl bei Euripides als bei Ovid macht sich
Phaethon allein auf den Weg. Will man nicht eine weitere
Nebenquelle annehmen, so bleibt nur die wohl zutreffende
Erklärung übrig, daß die römischen Künstler ihn eingeführt
haben, weil nach ihrer Vorstellung zu einem heroischen
Knaben ein Pädagoge so notwendig gehört, wie zu einer
Quadriga der Beireiter.

Über die Gesandtschaft des Mercur ist schon oben
das Wesentliche gesagt worden. In dem Epyllion scheint
sie nicht vorgekommen zu sein. Möglich ist, daß wir es
mit einer freien künstlerischen Konzeption zu tun haben,
die aber dann schwerlich erst in den Sarkophagateliers
entstanden ist.

Zusammenstellungen der Phaethon-Sarkophage haben
gegeben Wieseler Phaethon 1857 S. 15 ff. (vgl. Ann. d. Inst.
XLI 1869 p. 130^.); G. Knaack Quaestiones Phaethonteae
(Philol. Unters, von Kiessling und von Wilamowitz-Moellen-
dorff VIII) 1886 p. 67ss. und in Roschers Myth. Lex. III
S. 2197 ff.

*) Fühlbar wird dies besonders, wenn Ovid Met. II 355 von der
Mutter der Heliaden spricht, ohne sie zu nennen, denn die Meropsgattin
Clymene kann doch dem Sonnengott außer Phaethon nicht auch noch
diese drei Töchter geboren haben, wohl aber kann das die Oceanide
Clymene. In den Tristien III 4, 29 geht Ovid in seiner Flüchtigkeit so
weit, den Merops als Vater dieser Sonnentöchter zu bezeichnen.

Tafel CVIIL

ERSTE KLASSE, EINSZENIG.

332) S. Ince Blundell Hall (Lancashire). Auseinan-
dergesägt, die Vorderseite im Pantheon, die Schmalseiten
im Treppenhause eingemauert. Die Zugehörigkeit der
Schmalseiten wird durch die Marmorgattung, die Maße,
das Sujet, endlich durch das Brunnenloch in der linken
(s. die Geschichte des Sarkophags) gesichert. Fig. 332.
Fig. 332 a. Fig. 332b. L. 2,00. H. 0,59 (ohne den moder-
nen oberen Rand). L. Schmals. L. 0,49 (d. ant. Stückes 0,41).
H. 0,59 (ohne den modernen oberen und [unteren Rand).
R. Schmals. L. 0,50 (d. ant. Stückes 0,46). H. 0,57 (ohne
den modernen oberen und unteren Rand). Zeichnung von
Eichler 1873.

Über die Provenienz des Sarkophags und seine merkwürdigen
Schicksale besitzen wir folgende vier Zeugnisse:

1. PlRRO LlGORIO De luoghi delle sepulture delte famiglie ro-
mane e degli huomini illustri 1550—1553 (aus Cod. Neap. XIII B 10
herausgegeben von H. Dessau Sitz.-Ber. d. Berl. Akad. 1883 S. 1097)
Nr. 24: „Dei cavalli del sole e delle stagioni. Fu tolto dalle rovine del
■monumento di Salvij, dalla via Labicana, un bellissimo pilo di marmo,
il quäle hora si trova sul colle Quirinale, nel bellissimo et oppaco
giardino delf Illustrissimo signore Hippolilo d''Este cardinale di Fer-
rara, a cui e stato conceduto dalle monache di S. Lucia in setice."

2. zoega App. Fol. 81 [aprile 1789): „Bassorilievo esistente allo
studio delle scultore Antonio Mirabili d"1 Este destinato per il
Museo Pio- Clementino.il

3. E. A. Visconti 77 Museo Pio-Clementino VI 1792 p. 5 n. d:
„ I Venti han le ali alle tempie ... in un rarissimo bassorilievo in-
edito presso la santita di Nostro Signore, che V ebbe in dono
dair altre volte (III p. 72) lodato Cavaliere Ivglese il Signor Enrico
Blundell,"
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