Robert, Carl [Hrsg.]; Matz, Friedrich [Hrsg.]; Andreae, Bernard [Hrsg.]; Robert, Carl [Hrsg.]
Die antiken Sarkophagreliefs (3,3): Einzelmythen: Niobiden - Triptolemos ungedeutet — Berlin, 1919

Seite: 456
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PROSERPINA

Während, wie wir gesehen haben, die Überraschung und
Entführung der Proserpina auf eine Sagenform zurückgehen,
die bereits der Homerische Hymnos befolgt, liegt der Dar-
stellung der suchenden Ceres ein hellenistisches Gedicht
zugrunde, das Ludwig Malten (Hermes XLV 1910 S. 506 ff.)
als Quelle Ovids erwiesen und aus diesem Dichter rekon-
struiert hat. In der Tat wird die Szene auf dem Sarko-
phage durch die Verse Ovids aufs beste illustriert:

Met. V 441 ss.

illa du abus
flammiferas pinus manibus succendit ab Aetna
perque pruinosas tulit inrequieta tenebras.

Fast. IV 491 ss.

alta iacet vasti super ora Typhoeos Aetne,

cuius anhelatis ignibus ardet humus.
illic accendit geminas pro lampade pinus —

hinc Cereris sacris nunc quoque taeda datur.
est specus exesi struchira pumicis asper,

non homini facilis, non adeunda ferae:
quo simulac v&nit. frenatos curribus angues

itmgit et aequoreas sicca pererrat aquas.

Dies hellenistische Gedicht ist das älteste literarische Zeugnis
für den Schlangenwagen der Ceres und — abgesehen von
dem bereits oben erwähnten Euripideischen Chorlied, in dem
sie mit Kybele verschmolzen wird — auch für ihre Irrfahr-
ten. Denn im homerischen Hymnos wandert sie zu Fuß;
als Fußgängerin ist sie auch auf dem oben besprochenen
tarentinischen Krater dargestellt, wo sie auf kurze Zeit zu
Helios auf den Wagen steigt, um diesen nach ihrer Tochter
zu fragen, und zu Fuß erscheint sie auch auf dem home-
rischen Becher und sogar noch auf dem pompeianischen
Elfenbeinrelief. Um so überraschender war es, daß unter
den Terrakottareliefs aus dem Epizephyrischen Lokroi sich
eines befindet, das in der Tat keine andere Deutung zuzu-
lassen schien, als auf Demeter, die auf ihrem Schlangen-
wagen die Kore sucht [Ausonia III 1908 p. 191 ss. XL A
fig. 43, danach Arch. Anz. 1917 S. 104 Abb. 1); denn es
ist eine Frau dargestellt, die mit einer Fackel in der
Hand auf einem von Schlangen gezogenen Wagen steht.
Seit aber R. Pagenstecher Archäologischer Anzeiger 1917
S. 103 fr. nachgewiesen hat, daß vor dem Schlangenwagen
eine adorierende Figur mit einem Hahn in der Hand stand,
stellt sich die Sache ganz anders. Nicht die suchende De-
meter ist dargestellt, sondern die an ihrer Kultstätte ruhig
verweilende; der Schlangenwagen ist so gut ihr bloßes At-
tribut als Fackel oder Ährenbündel. Damit ist allerdings
erwiesen, daß die Vorstellung von Demeter auf dem Schlan-
genwagen schon in ältere Zeit hinaufreicht, was wegen des
Schlangenwagens, den sie dem Triptolemos für seine Fahrt
über die Erde schenkt, schon an sich wahrscheinlich war,
mit nichten aber folgt daraus, daß auch sie selbst schon
nach der älteren Sage sich auf dem Schlangenwagen auf-

gemacht hätte, um ihre Tochter zu suchen. Dafür bleibt
nach wie vor jenes hellenistische Gedicht das älteste Zeugnis.
So bliebe als ältester Beleg für ihre Irrfahrten zu Wagen
nur eine Münze von Enna übrig, deren Revers eine fackel-
tragende Frau auf einem Viergespanne zeigt (Overbeck
a. a. O. S. 659 Münztafel IX 14). Aber selbst wenn die
Deutung auf Demeter sicher wäre, bliebe die Beziehung
auf die Irrfahrten zweifelhaft, da wagenfahrende Götter
etwas Allbekanntes sind und die Fackel nur das gewöhn-
liehe Attribut der Göttin zu sein braucht. Die ältesten Bild-
werke, die Ceres auf dem Schlangenwagen nach ihrer Toch-
ter suchend zeigen, sind die Denare der gens Vibia und

denare

der gens vibia. der gens volteia.

der gens Volteia, hier nach Exemplaren der Berliner Münz-
sammlung, deren Abdrücke H. Dressel verdankt werden,
abgebildet. Münzen der Kaiserzeit geben
ihr dann auch, wie schon Canoleius (s. oben
S. 454), ein Pferdegespann, wie eine Münze
des paphlagonischen Egiale aus der Zeit
der Iulia Domna, nach dem Exemplar der

Berliner Münzsammlung-, dessen Abdruck münze

ö' von egiale.

wir demselben Freunde verdanken, hier ab-
gebildet. Daneben hat sich aber zu allen Zeiten auf den
Münzen der Typus der zu Fuß suchenden Ceres erhalten1).

Mit der Szene der Überraschung läßt sich nur ein Grab-
gemälde aus Ostia vergleichen (Mou. d. Inst.Vlll tav.XXVlll 2,
Overbeck a. a. O. Atlas Taf. XVIII 6); denn auf dem Grab-
gemälde aus Kertsch, das denselben Vorgang zeigt, ist Pro-
serpina fliehend dargestellt (Förster Raub u. Rückkehr d.
Persephone Taf. I, Rostowzew Antike dekorative Wandmale-
reien in Süd-Rußland Taf. LXXXIX).

Bei der ersten Gruppe der zweiten Klasse sind an den
Ecken meistens tanzende Hören angebracht 35g. 360.
362—364. 370. 372. Auf den Schmalseiten Greife 360,
Sphinxe 361 und 384, von mythischen Szenen vor allem
Pluto und Proserpina in der Unterwelt, und zwar bei der
ersten Gruppe der zweiten Klasse Proserpinas Rückforderung
durch Mercur 363 b. 365, bei der zweiten Gruppe der drit-
ten Klasse einmal Pluto die Proserpina zur Oberwelt ent-
lassend 409 a, am häufigsten Proserpinas Rückkehr in die
Unterwelt, einmal bei der dritten Gruppe der zweiten Klasse
392 b und viermal bei der dritten der dritten Klasse 413 b.
415 b. 418 a. 419 a. Als Gegenstück hierzu, aber auch sonst,
werden auf der andern Schmalseite gerne Gespielinnen der
Proserpina mit Blumenkörben, meist voll Entsetzen über

*) S. Overbeck a. a. O. Münztaf. IX 22—26.
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