Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

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selbst an Sprachmitteln nichts weniger als reich sei, also keine
Berechtigung gewähre, mit Schakespear und Göthe — oder
nur mit Richter verglichen zu werden.
Das war jedenfalls zu viel gesagt, und steigerte die bisher
ruhig gebliebene Verhandlung zum lauten Kampfe. Ich suchte
die aufgeregten Gemüther durch das Oel eines Sonettes zu be-
schwichtigen, welches mit den Versen schließt:
So fteh'n die beiden göttlichen Naturen
An unser'm Himmel — deutsche Dioskuren!
Aber die stürmischen Wellen des Gespräches wollten sich
nicht legen. Nochmals wurde Börne gegen den Dichter im
Minister-Rocke herauf beschworen, und die kampflustigsten von
den Damen schickten sich an, unter seiner Aegide das Feld zu
behaupten. Eine derselben warf dem hartnäckigen Widersacher
etwas spöttisch entgegen: „Wenn Sie den Schiller üb er wund en
haben, so wollen wir's versuchen, Ihren Göthe zu überwinden".
Etwas betreten erwiederte der Herausgeforderte: „Ganz recht,
ganz der richtige Ausdruck. Ihr Abgott mit seiner Philosophie
und Subjectivität, mit seinem Idealismus und Pathos — ist
für mich wirklich etwas Neber wunden es, seitdem ich kein
Jüngling mehr bild."
„O wie schade" lachten die Damen, und lustig war's nun
anzuhören, wie sich unser Freund gegen die leidenschaftliche Par-
teinahme des weiblichen Geschlechtes für Schiller alles Ernstes
vereiferte, da sie doch etwas so ganz Natürliches ist.
Abgesehen von den Werken beider Dichter, so war Schiller
ein vom Geschicke schon frühe Verfolgter, war ebenbürtig ver-
heiratet, hatte sein Lebenlang zu schaffen, zu streben, und wurde
das Opfer dieses Ringens, während Göthe, als ein Schoßkind
des Glückes von Jugend auf aller gemeinen Lebenssorgen über-
hoben , die glänzendste Stellung fand und es gleichwol verschmähte,
einer Ebenbürtigen seine Hand zu reichen.
So lange der Verfasser des Wertster lebte, besaß auch er
Verehrerinen genug, und manche davon hat ihren Gözendienst
bitter gebüßt. „Der Gott und die Bajadere" und „die Braut
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