Verein für Badische Ortsbeschreibung [Editor]
Badenia oder das badische Land und Volk: eine Zeitschr. zur Verbreitung d. histor., topograph. u. statist. Kenntniß d. Großherzogthums ; eine Zeitschrift des Vereines für Badische Ortsbeschreibung — 1.1859

Page: 445
DOI issue: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/badenia1859/0463
License: Public Domain Mark Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
445

bogen der Hausthüre abnehmen, wenn's das altsolide Gebäude
uns überhaupt nicht schon verrathen hat.
In der großen, holzgetäfelten Stube des oberen Stockes
mit den Doppelfenstern von steinerner Einfassung wohnt bereits
das sechste oder siebente Geschlecht. Um den mächtigen, grünen
Kachelofen saßen sie vielleicht schon zur Zeit des dreißigjäh-
rigen Krieges, von dem der alte Vetter noch zu erzählen wußte,
daß der „Hungerbühl" links an der Hochstraße damals seinen
Namen bekommen. Der behaglich eingerichtete, durch eine Thüre
vom übrigen Stubenraum getrennte „Hinterofen" ist stets noch
der bedungene Sitz des gebrechlichen Alters.
Der runde Tisch von Eichenholz mit der Schiefertafel in
der Mitte steht noch am alten Platz im „Herrgottswinkel", wo
auch, wie vor hundert Jahren, das flitterbehangene „Känsterle"
(Hausaltärchen) in seiner Mauervertiefung zn sehen ist. Von
den Bänken längs den Fenstern hat jeder noch seinen Trog,
und der große vergitterte Milch schäft neben dem Ofen, sogar
der eiserne Schuhlöffel unter der Ofenbank und das hölzerne
Katzenschüsfelein daneben scheinen aus der Zeit zu stammen, wo
die Großmutter bei Gelegenheit des „B'schauet" (Brautschau)
zum erstenmale den Hof und die Stube betreten.
Noch älter, vielleicht aus der Zeit des Bauernkrieges, ist
das blank gescheuerte zinnerne Handgießle (Waffergefäß mit
einem Krähnchen) an der Wand neben der Stubenthüre, wo
soeben der Knecht die Hände wäscht und an der langen „Hand-
zwehle" abtrocknet, bevor er sich zu Tische setzt. Und gewiß, der
junge Bauer müßte ganz der modernen Richtung angehören, wenn
wir an der Stubenthüre nicht auch die Buchstaben C. M. B.
(Kaspar, Melcher, Balthasar, Namen der heiligen drei Könige)
mit Kreide angeschrieben fänden, oder wenn etwa an den Kam-
merthüren des Gesindes der in bunten und grellen Farben gemalte
Agathenzettel fehlen sollte.
Die Wohnstube im alten Bauernhause war der Versamm-
lung^ und Aufenthaltsort sämmtlich er Hausbewohner. Hier,
unter der Autorität des Familienhauptes, wurde gebetet, gegessen;
hier kamen Abends die nachbarlichen „Heimgarten" zusammen,
loading ...