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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 15.1939

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https://doi.org/10.11588/diglit.42536#0059

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Paläolithische Freilanöstation im älteren Löß von Whhlen Amt Lörrach

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(einschließlich der Zurückbiegung des oberen Endes) und unterhalb eines Querstrichs eine
zusammengesetzte Gruppe zu bilden bzw. aus ihr hervorzugehen scheint.
Wenn die schars umschriebenen Kerben auf der Llnterkante des Pferdeunterkiefers
Taf. Il i in einer gewissen gleichmäßigen Reihung auftreten, so könnte man an eine Art
„Kerbstock" denken, doch sieht der so anzusprechende Geweihstab des Petersfels (Magda-
lönien) anders aus. Oder sollte eine Art Markierung, Messung oder gar eine Art
Schmückung der Lknterkieferkante vorliegend
Roch augenfälliger ist das Schrägkreuz auf der Innenseite des Pferdeunterkiefers
(Abb. 5; Lästig II2), aber es ist das Einzige seiner Art. Zwar könnte man auf dem
Stohzahnbruchstück Abb. 7 bei (a) die untere Hälfte eines zweiten Schrägkreuzes sehen, aber
eine Bruchlinie verhindert die weitere Beurteilung; die beiden erhaltenen Arme sind zu-
dem ungleich lang und geformt; das obere Teil könnte nur halb so groß wie das untere
gewesen sein. — Der rechte Arm scheint — zufällig oder nicht — in der Mitte des Stücks
(oberhalb von c) zufammenzuhängen mit einer Gruppe von Vertiefungen, die sich nach
links fortsetzt; leider verhindert eine breite Auswitterungsfurche, genaueres auszufagen.
Die langgezogenen Mulden, die sich besonders auf dem Stoßzahnbruchstück Taf. V
gegen den linken Rand hin drängen, lassen eine gewisse Gesellung zu zweien und eine Ver-
dickung, Scharung, Vereinigung nach links hin erkennen. In zwei Fällen (b, c) befindet
sich am Beginn einer solchen Mulde eine sorgfältig ausgeführte Kerbe. Unterhalb von (c)
scheinen mehrere feine Kerben allein oder gedoppelt in der Mittelachse des Bruchstückes
eine dieser gleichlaufende, rhythmisch gegliederte Reihe zu bildend Unterhalb von (a)
befindet sich eine ganze Anzahl von Kerben, öfters gedoppelt, und einmal untereinander,
einmal im Winkel gestellt; nach rechts schließen zwei undeutliche Kerben bzw. Kerbgruppen
an — man könnte auch hier an ein Fischgratmuster denken —; dann folgen bis zur Kerbe
(b) einige dieser etwa gleichgerichtete Kerben.
Schließlich ist auf die Scharung kleiner Mulden, Abb. 7 b, a (Taf. IV unten) hinzu-
weisen, die moos- oder knospenartig aussieht. — Es fiele nicht schwer, auch die anderen
Gebilde geometrisch zu reihen, aufeinander zu beziehen und Raturöinge hineinzusehen. —
Eine primäre sexuelle Bedeutung ist nicht vorhanden, auch nicht bei der Vereinigung von
Kerbe und Mulde (Taf. V).
Gesichert ist, daß es sich um eine Fülle von zweckfreien Anbringungen handelt, die
fast jeden Knochen außen wie innen überziehen, und daß die Kerbreihe, aber auch Schräg-
kreuz (?) und Kerbwinkel Zusammenstellungen sind, die den heutigen Menschen unmittelbar
geometrisch-künstlerisch ansprechen; sie sind nicht Ornament, aber Ansätze dazu. Auch bei
den anderen Gebilden sind Scharung, Paarung, Parallelität, Reihung, rhythmische Glie-
derung nicht zu verkennen.
Die einzelnen Elemente haben verschiedenen Charakter. Da Knochen und Elfenbein
andere Bearbeitungsgesetze und anderes Aussehen haben, beschränken wir uns aus die
Stoßzahnbruchstücke, besonders auf Abb. 8 und Taf. V. Die Kerben sind umschriebene, klar
eingegrabene Formen und fügen sich zu einer stengelartigen Reihe (Abb. 8), die lang-
gezogenen Mulden dagegen sind als Einzelform seichter und fließenden Llmrisses und
strömen nebeneinander, ineinander. Dieselbe Hand stellte beides her und fügt bei Taf. V
(b) und (c) beides so zusammen, daß eine ausgezeichnete Kerbe am Anfang einer Mulde
steht (die umgekehrte Richtung ist unwahrscheinlich). Kerben sind heute noch ein allgemein
verständliches Element künstlerischer Formensprache, die Mulden hatten sicherlich für jene
Menschen gleichen Sinn, sprechen uns aber nicht unmittelbar an. Beides kommt aber nicht
nur nebeneinander vor, sondern auch ineinander gefügt, statische und dynamische Form,
klare Reihung und sich ergießende Fülle, Tat und Leben.
Dieses Vorkommnis entbehrt jedes Gegenstücks. Selbst Achenheim hat, nach freund-
licher Auskunft von P. Wernert, bisher nichts Derartiges geliefert. Die Knochen aus
Mousteriensiedlungen sind mehrfach aufs eingehendste untersucht worden, am hingebendsten
und exaktesten von Henri Martin, er hat die Benützung der Knochen als Unterlage bei

9 Auch für die Mulden scheint diese Mittelachse nicht ohne Bedeutung, kann hier aber
technisch bedingt sein, da dies die Strukturlinie des Elfenbeins ist (vgl. die Bruchlinie!).
 
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