Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 15.1939

Page: 137
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/badische_fundberichte1939/0141
License: Creative Commons - Attribution - ShareAlike Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
Besprechungen

137

werden: das ürvokk (Leibniz!), die Jndogermnnentheorie (aber mit ihrer Übertreibung
des Wanderns und mit der Herleitung aus Asien), die biologische Entwicklungslehre
(Entstehung des Menschen: übertragen auf die Geräte: Typologie), das erdgeschichtliche
Grundgerüst (Eiszeit: noch O. Fraas 1866 läßt die schwäbische Eiszeit gleichzeitig sein mit
den Pyramiden), die Kulturgeschichte (vom Jäger zum Dauern: Steinzeit, Bronze-,
Eisenzeit), die Gleichsetzung von Kulturkreisen und Böllern, und — das Überraschendste —
der Borden (Westbaltikum) als Kulturherd. Biele Lebensgebiete müssen daher gleich-
zeitig herangezogen, mehrere Methoden angewandt werden: vom historisch Bekannten
(Mittelalter: Altertum des Mittelmeergebiets) zum Altbekannten, von unten (Geologie,
Paläontologie) nach oben, vom Lebenden (Bolls-, Völkerkunde: Experiment) zum Toten.
So verstehen sich die Hauptperioden unserer Wissenschaft: die Ansätze im 16., 17.,
18. Jahrhundert: das Auftauchen der ersten festen Begriffe zu Beginn des 19. Jahrhun-
derts (Bor-Geschichte als selbständige Epoche; Dreiperiodensystem) und die Tätigkeit der
historischen Vereine (Romantik); die revolutionierenden Entdeckungen und Erkenntnisse
um seine Mitte (Reihengräber gleich merowingerzeitliche Germanen; der eiszeitliche
Mensch; die Pfahlbauten; die Llnterglieöerung der Eisenzeit, der Bronzezeit, der Latene-
und Hallstattzeit; die Trennung von Lausitzer und slawischer Kultur), das „anthro-
pologische" Zeitalter; die planmäßige Volksgeschichte von G. Kofsinna bezüglich Ger-
manen und Jndogermanen (und die Aufgliederung des paläolithischen Chronologie-
schemas durch Obermaier u. a.)> zugleich der Einsatz der Behörden,. So verwundert es nicht
mehr, warum die deutsche Vorgeschichte erst heute zu einer selbständigen Wissenschaft und
zu einem Bildungswert wird: es ist der, überreiche Inhalt, die Ausdehnung der Zeit-
räume, die Vielseitigkeit der zu entwickelnden Methoden, der oftmalige Kultur- und Be-
völkerungswechsel.
Baden (wie ganz. Süd- und Westdeutschland) wird erwähnt, ohne eine entscheidende
Rolle zu spielew was bei dem methodischen Vorrang der nordischen Archäologie nicht zu
verwundern brauchte Süd- und Westdeutschland weisen die reichste Abfolge von Kul-
turen und Völkern und Ereignissen auf: darum ist ihre Urgeschichte am schwersten zu er-
forschen. Es lassen sich aber Stellen aufzeigen, an denen die Forschung trotz besten Wil-
lens verhängnisvolle Irrwege einschlug: Linöenschmits Kampf gegen das' Dreiperioöen-
shstem und den Aorden wird von G. ausführlich behandelt, zudem wird Lindenschmit durch
organisatorische Sorgen fast erdrückt. Roch vorher hätte H. Schreiber am alemannischen
Gräberfeld Ebringen (1826) grundlegende Einsichten gewinnen können, aber er war durch
einen voreiligen geschichtlichen Rückschluß aus dem Flurnamen geblendet und verfiel der
„Keltomanie"; fein jüngerer Freund war Jacob Durckhardt; was hätte es für unser Fach
bedeuten können, wenn dieser Mann unserer Perioden wenigstens anerkennende Erwäh-
nung getan hätte! Schließlich blieb auch K. Schumacher die Stoßkraft Kossinnas und die
Weite Tischlers versagt (ebenso Reinecke),, so daß in der Tat die von Gummel gezogene
Entwicklungslinie zu Recht bestehen wird. G. K^.

Adolf Rieth, Vorgeschichte der Schwäbischen Alb. Mannusbücherei Ar. 61, 1933,
264 S., 109 Abb. im Text und auf 2 Ausschlagtafeln, 7 Karten als Beilage. Preis Ge-
bunden RM. 26.70.
Das alkbesiedelte Land in Württemberg .(vom Schwarzwald also abgesehen) kennt
zwei ganz verschiedene Typen: Die Lößlehmfelder des mittleren Neckars, wie sie durch
die klassischen Untersuchungen von Schliz bekanntgeworöen find, und die Jurahochfläche
der Alb, deren Besiedlung im Neolithikum und in der Bronzezeit mit dem Anterland
alternieren, während die Hällstattzeit einen Ausgleich bringt; eine weitere Überraschung
ist für den Llnterländer von Heute, daß die Alemannen die „Rauhe" Alb gerade so dicht
und reich besetzen wie die üppigen Fluren am Neckar. Von solchen Beobachtungen sind
z. B. die Theorien Gradmanns ausgegangen; auf der Alb war das Grabungsgebiet vieler
Liebhaber — die Grabhügel waren.durch den Ackerbau noch wenig berührt — und als
i Ladenburg 9, 63 (Karl Theodor 1766); Wirksamkeit der Mannheimer Akademie 107 (es fehlt:
Hüfingen, v. Schellenberg 1609); Tritschler — noch unveröffentlicht—, (Leichtlen). Wilhelme wird ein-
gehend — vgl. E. Wahle — gewürdigt. Schreiber: Beiltypologie, Keltomanie (fehlt: Riegel; Alemann.
Gräber Ebringen usw.). Ecker als Miteröffner der anthrop. Periode; Hch. Fischer, E. Wagner, K. Schu-
macher in seiner vielseitigen fruchtbaren Tätigkeit (nicht bezüglich der Pfahlbauuntersuchung, neolithische
Landsiedlungen, „Kontinuität" der Besiedlung, Latsne-Viereckschanze). Erwähnt ist ein Entwurf für ein
Denkmalschutzgesetz 1884 (233 h, nicht die Bestimmungen von 1914. Weitere badische Namen: Scheffel,
Heinrich, Deecke, Dragendorff, Ammon, Baumann, K. S. Gutmann, Leiner alt, Leonhard, Pfaff, Ratzel.
Schließlich die Kastengrabung Sipplingen von H. Reinerth. — Was als „fehlend" hier angemerkt wird,
ist teils zu lokal, um in ein Handbuch ausgenommen zu werden, teils müßte es von der süddeutschen For-
schung selbst erst herausgestellt und aufgezeigt werden.
loading ...