Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Metadaten

Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

DOI article: DOI Page / Citation link: 
https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0123

DWork-Logo
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
Zur Bedeutung der bürgerlichen Siedlung im Gewann „Mühlöschle“, Gemark. Hüfingen

117

Rheins z. B. auf den Topfscherben aus den domitianischen Albkastellen von Lautlingen (Ldkr.
Balingen) und Burladingen (Ldkr. Hechingen)3) anzutreffen ist, aber auch auf Urnen des späten
1. und der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts aus dem swebischen Gräberfeld von Diersheim
(Ldkr. Kehl)4) und auf einem Gefäß aus einer Töpferei in Stuttgart-Cannstatt5), kommt im
„Mühlöschle“ nur auf den beiden Töpfen B IV 2 (Taf. 14, 4) und B IV 3 (Taf. 12, 14) vor,
dazu in besonderer Form auf dem schon vorhin genannten Topf B IV 7 (Taf. 13, 10). — Als ein
am Oberrhein und in der Nordschweiz bodenständiges Motiv kann man die umlaufenden Rippen
und breiten Rillen an der Nigra-Flasche B II 10 (Taf. 13, 13) und dem Töpfchen C 2 (Taf. 14, 17)
ansehen, für die Revellio (zu B II 10) mit Recht schon auf Vindonissa Taf. 5, 69. 70 hingewiesen
hat. Weiteres dazu wird in meiner in Anm. 4 angekündigten Arbeit über Diersheim zu der dor-
tigen Kelchurne 63 a (a. a. O. Taf. 15; 30, 3) und der Schrägrandurne 82 b (a. a. O. Taf. 23)
gebracht werden.
Endlich die Gefäßformen: Ob die „helvetischen“ Nigra-Schüsseln A 3 (Taf. 12, 5) und
B II 4 (Taf. 12, 16. 17) wirklich eine Imitation der Sigillata-Schüssel Drag. 29 sind odeir nicht
vielmehr, wie W. Drack und Frau Ettlinger6) darlegten, eine im Helvetierland beheimatete selb-
ständige Parallelbildung zu ihr, kann hier unerörtert bleiben. Jedenfalls sind ihre Herkunft aus
der Schweiz und ihre nur gelegentliche Verbreitung im Südteil des rechtsrheinischen Obergerma-
nien7) gesichert. Es wird kaum angehen, diese Stücke als Zeugen dafür heranzuziehen (Revellio
S. 107), daß die Töpferei n u r in verspasianischer Zeit gearbeitet habe. Doch sind die mitgefunde-
nen hellglänzenden Sigillaten B I 1—2 beweiskräftig genug, um Revellios zeitlichen Ansatz im
wesentlichen zu stützen; immerhin wird die Produktion der Töpferei bis in die domitianische
Zeit hinein angedauert haben. — Deutlich macht sich das nordschweizerische Element auch bei den
Randprofilen der großen Töpfe B III 1—2; B IV laufend (Taf. 12, 3. 9. 10. 12—15; 13, 4. 8. 10;
14, 4) geltend; vgl. die Augster Topfprofile bei Ettlinger, Augster Thermen Taf. 17, 17-—20. 26.
27—29. In Vindonissa fehlt Entsprechendes. — Nicht oder nur bedingt einheimisch sind die
Formen der gefirnißten und rot überfärbten Ware, für die auf die von Revellio (oben zu B III
4—5) beigebrachten Parallelen verwiesen sei.
Das Ergebnis unseres kurzen Überblicks über die Keramik vom „Mühlöschle“, der durch-
aus nicht alle Einzelheiten der abgebildeten Stücke berücksichtigen konnte, läßt sich in
folgenden Feststellungen zusammenfassen: Es besteht ein mehrfach greifbarer Zusammen-
hang zwischen den im „Mühlöschle“ üblichen keramischen Formen und Verzierungsweisen
einerseits und denjenigen aus den römischen Siedlungen der Nordschweiz andererseits.
Dabei sind, soweit man aus dem zahlenmäßig nicht großen Hüfinger Komplex Schlüsse
ziehen darf, die Berührungen mit der Fundmasse aus der bürgerlichen Anlage der Augster
Thermen offenbar größer als diejenigen mit den Beständen aus der Militärniederlassung
des Legionskastells von Vindonissa. Eine Ausnahme hiervon bildet im „Mühlöschle“ das
Vorkommen der „Legionskeramik“, d. h. der rot überfärbten und geflammten Ware
(s. o.), die aus Vindonissa gekommen sein muß- Weiterhin ist festzuhalten die starke
Verarmung im Dekor gegenüber der Spätlatene-, aber auch der augusteischen bis claudi-
schen Zeit, eine Erscheinung, die, wie oben schon bemerkt, am Rhein gegen Ende des
1. Jahrhunderts allenthalben zu beobachten ist.
3) Lautlingen: Württemberg. Studien. Festschr. E. Nägele (1926) Abb. 20 (nach S. 198). — Bur-
ladingen: Unpubliziert; erwähnt Württemberg. Studien a. a. O. 198 (G. Bersu).
4) Vgl. in meiner in Vorbereitung befindlichen Monographie über das oberrheinswebische Gräber-
feld von Diersheim (Ldkr. Kehl) Taf. 9, 25. 27 a; 10, 33; 11, 43; 13, 55; 27, 2. 3.
5) Stuttgart-Cannstatt, Töpferei am Sparrhärmlingweg: Fundber. aus Schwaben N.F. 5, 1928/30,
Taf. 10, 2, 10.
s) Drack 94 ff. zu Typus 21. — Ettlinger, Augster Thermen 46 f. zu Taf. 5, 8; 6, 1.
’) Einzelangaben bei Drack a. a. O. 95 und Ettlinger a. a. O. 47.
 
Annotationen