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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0167

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Latcnezeitliche Brandgräber von Bettingen, Ldkrs. Tauberbischofsheim

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haltiger Siedlung führte, erst von der älteren Kaiserzeit ab zu rechnen ist und daß
germanische Funde aus vor-augusteischer Zeit auf dem linken Rheinufer fehlen113).
Eine andere Frage ist freilich, wie die im archäologischen Sinne so eindeutigen Bettinger
Fundverhältnisse vom historischen Standpunkt aus zu beurteilen sind. Bei dem engen
zeitlichen Kontakt, in dem die Bettinger Gräber mit den zu Verfügung stehenden
schriftlichen Quellen stehen, müßte es doch, so möchte man glauben, möglich sein, die
archäologische Aussage durch die historische zu stützen bzw. umgekehrt die mehr oder
weniger vage historische Nachricht durch den archäologischen Befund zu unterbauen.
Wenn wir von der oben genauer begründeten Mutmaßung ausgehen, daß das Bettinger
Gräberfeld in der Zeit zwischen 150 und 50 v. Chr. angelegt worden ist, so müßte es
wohl als helvetisch angesprochen werden. Berufen könnte man sich für solche ethnische
Zuweisung etwa auf Tacitus (Germania Kap. 28) oder auf Cassius Dio (XXXVIII, 33),
der einen Teil der von Caesar besiegten Helvetier gegen den Rhein ziehen läßt, „um in
ihre alte Heimat zurückzugelangen“114). Die Archäologie ist solchen Angaben gefolgt
und hat die keltischen Funde der 2. und 3. Latenestufe bzw. der Reineckeschen Perio-
den C und D östlich der Schwarzwald-Odenwaldlinie als helvetisch angesehen115). Dieser
Zuordnung steht nun freilich wieder die Caesarische Angabe gegenüber, der zufolge das
Land rechts des Rheines in germanischer Hand war. „Am Hochrhein und am Ober-
rhein standen“, so folgert daraus H. Nesselhauf, „Germanen.“116) Da nach allgemeiner
Ansicht die Helvetier sich vom 2. vorchristlichen Jahrhundert ab infolge des germani-
schen Druckes allmählich in die heutige Schweiz zurückzogen, ja sogar 58 v. Chr. ihre
weitere Auswanderung aus eben diesem Grunde betrieben, so ließen sich gleichwohl
beide Angaben vereinen, und auch die berühmte töv ’EäovtjtIcov des um 200
n. Chr. schreibenden Ptolemäos (Ptol. geogr. 2, 11, 6) würde gar nicht schlecht in dieses
Zustandsbild passen.
Auf der anderen Seite jedoch kann die archäologische Forschung eine nicht geringe An-
zahl von Bodendenkmälern aller Art eindeutig keltischen Charakters namhaft machen,
die in die Epoche zwischen 50 v. Chr. und Tiberisch-Claudische Zeit gehören müssen
und die somit die bestimmten Angaben Caesars in einem unsicheren Lichte erscheinen
lassen. Auch wenn wir Bettingen hier einmal beiseite lassen, dessen Friedhof ja sehr
wohl zu einer Helvetiersiedlung gehört haben kann, deren Auflassung noch vor der
Abwanderung in die Schweiz zu liegen kam, so muß hier doch der vielfachen Denk-

113) Die oft, auch von Wahle herangezogene germanische Fibel von Niedermodern (Elsaß) ist
mangels gesicherter Fundumstände kaum verwertbar. Herrn Dr. Nierhaus, jetzt Tübingen,
bin ich für manchen freundlichen Hinweis sehr zu Dank verpflichtet.
114) E. Howald - E. Meyer, Die Schweiz in römischer Zeit (1940) 396 unter dem Stichwort:
Helvetii. — F. Stähelin, Die Schweiz in römischer Zeit (3. Auflage 1948) 27 f>. — K. Bittel,
Kelten a. a. O. 109 f. — E. Norden, Alt-Germanien (1934) 143.
115) So P. Reinecke in: 23.Ber. RGK. 1933, 147.
116) Bad. Fundber. 19, 1951, 79. -— Zwar wird, wenn wir den Nesselh aufs chen Überlegungen
weiter folgen, die Angabe Caesars durch Tacitus widerlegt, der die Bewohner der decumates
agri, also des Gebietes zwischen Rhein und limes, nicht zu den germanischen Stämmen
zählt. Doch sind die Tacitus-Stellen offenbar in der Weise zu deuten, daß das Decumatland
nach der römischen Geographie zwar zu Germanien gerechnet wird, auch wenn in ihm keine
germanischen Stämme, sondern gallische Einzelsiedler ansässig waren.

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