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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 20.1956

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https://doi.org/10.11588/diglit.43787#0168

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Albrecht Dauber und Wolfgang Kimmig

mäler echt spätlatenezeitlichen Charakters (Reinecke D) gedacht werden, auf die schon
Reinecke und Wahle hingewiesen haben11'). Es sei hier nur an die rund 55 (!) südwest-
deutschen Viereckschanzen erinnert, die sich zwischen dem Würzburger Raum, der Iller
und dem Schwarzwald verteilen, an die nicht ganz kleine Zahl von oppida, die in ihrer
Anlage zwar sicher in frühere Zeit zurückgehen werden, aber doch noch immer in
Benutzung gewesen sein müssen, an die recht dichte Streuung spätkeltischer Münzen
und schließlich auch an die spätkeltischen Siedlungsreste mit ihrer Graphittonware, die
— mindestens im ostbayrisch-oberösterreichischen Raum — möglicherweise noch in
frührömischer Zeit in Gebrauch gewesen ist117 118). Reinecke und Bittel ergänzen solche
Belege noch durch die Aufzählung von keltischen Ortsnamen aus dem Bereich der räti-
schen Limeszone nördlich der Donau, die gleichfalls die ungebrochene Kontinuität einer
keltischen Bevölkerung bis zu einem Zeitpunkt beweisen, der durch die Niederringung
der Räter und Vindeliker durch die Römer (15 v. Chr.) gegeben ist119).
Man kann füglich nicht behaupten, daß ein solch bedeutender Komplex von Denk-
mälern aller Art, der sich.sogar über den Main nach Norden bis an die Mittelgebirgs-
zone hin verfolgen läßt (Kleiner Gleichberg bei Römhild), lediglich einer kleinen Zahl
sitzen gebliebener Kelten (Helvetier?) zu verdanken sei120). Man wird auch kaum glau-
ben wollen, daß die so erstaunlich einheitliche, von Ostfrankreich bis nach Böhmen
reichende oppidum-Zivilisation der keltischen Spätzeit (etwa 50 v. Chr. — 0) (Bibracte-
Stradonitz) ihre Industrieprodukte durch menschenleere Räume größeren Ausmaßes
(’EXov-/]Ttcov ep-/](j.o?) durchzuschleusen imstande war121). Und noch weniger kann man sich
vorstellen, daß die von Tacitus so verächtlich genannten „levissimus quisque Gallorum
et inopia audax“ als mögliche neue Herren des von ihren Stammesverwandten verlas-
senen Landes die Kraft und das organisatorische Geschick aufgebracht haben könnten,
oppida vom Umfang eines „Heidengraben“ auf der Alb oder die Anlage bei Finsterlohr
(die in unmittelbarer Rheinnähe gelegenen oppida von Tarodunum-Zarten bei Frei-
burg und Altenburg-Rheinau bei Schaffhausen werden hier bewußt ausgeklammert!)
weiter in Betrieb zu halten oder vielleicht sogar jetzt erst zum Bau der Viereckschanzen
zu schreiten.

117) E. Wahle a. a. O. 9 f. — P. Reinecke in: 23. Ber. RGK. 1933, 148 ff.
ns) VgP Karten bei K. Bittel, Kelten a. a. O., Taf. 32-—-35, ferner O. Paret in: Sudeta 5, 1929,
30 ff., besonders 39 ff. — W. Krämer in: Germania 31, 1953, 212 f. — K. Bittel in: Zeitschr.
Hist. Ver. f. Württembergisch-Franken NF. 24/25, 1950, 69 ff. — E. Kost in: Zeitschr. Hist.
Ver. f. Württembergisch-Franken NF. 17/18, 1936, 54 ff. — Über bemalte Spätlateneware
E. Vogt in: Anz. Schweiz. Altertumskde. NF. 23, 1931, 47 ff. — Über die außerhalb des
limes gelegene Spätlatenesiedlung von Ingelfingen im Kochertal, die römische Scherben des
2. Jahrh. erbracht hat, vgl. E. Kost in: Zeitschr. Hist. Ver. Württembergisch-Franken NF
17/18, 1936, 61 und K. Bittel, Kelten a. a. O. 41, Nr. 49. — Zu der gleichfalls bis ins 1. nach-
christliche Jahrhundert dauernden Spätlatenesiedlung von Schwäbisch-Hall vgl. E. Kost in:
Nachrichtenbl. f. deutsche Vorz. 17, 1941, 272 ff.
119) P. Reinecke in: 23. Ber. RGK. 1933, 149 f. — Ders. in: Bayr. Vorgesch. Freund 4, 1924, 17 f.
—• K. Bittel, Kelten a. a. O. 112 f.
120) E. Norden, Altgermanien a. a. O. 144.
121) „Mit Perioden erheblicher Siedlungsleere und Verödung von der Dauer eines halben Jahr-
hunderts mögen wohl Historiker rechnen, der Archäologe wird sich in vor- und nachher
gut besiedelten Gebieten kaum mit solchen Anschauungen zufrieden geben“ (P. Reinecke in:
23. Ber. RGK. 1933, 151).
 
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