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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 22.1962

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https://doi.org/10.11588/diglit.43789#0131

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Neue alamannische Grabfunde aus Singen a. H., Ldkrs. Konstanz

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ohne jede Analogie war. Einen Hinweis für die Einordnung dieser auf alamannischem
Gebiet fremdartig anmutenden Form gibt ein Vergleichsstück aus Böhmen27), dessen
Körper zwar mehr Querstriche aufweist, das aber sonst in allen Details völlige Über-
einstimmung zeigt. Damit ist natürlich kein sicherer Anhaltspunkt für die Herkunft
unserer Singener Fibel gegeben, doch ist eine derartige Bestimmung für den Augenblick
auch nicht das Entscheidende. Entsprechend dem hier gesteckten Ziel genügt es, zu
zeigen, daß sich im archäologischen Niederschlag einer bäuerlichen Siedlung im Hegau
Verbindungen zu den östlichen Randgebieten der merowingischen Kultur abzeichnen,
zu einem Zeitpunkt, als die Langobarden noch in ihren pannonischen Wohnsitzen saßen
und Italien unter ostgotischer Herrschaft stand28).
Abschließend soll noch eine Lanzenspitze (Taf. 38, 17) vorgelegt werden, die zwar keine
„Fernbeziehungen“ erkennen läßt, dafür aber für die chronologische Beurteilung des
Singener Gräberfeldes von größter Wichtigkeit ist. Die mit einem eisernen Klappmesser
dem Mann aus Grab 59 mitgegebene Waffe legt — vorläufig — die Aufgabe des Bestat-
tungsplatzes in die Zeit um 700 fest29). Doch nicht nur chronologisch ist dieses Stück
interessant. Typologisch betrachtet stellt sich diese Form zwischen verzierte Lanzen-
spitzen mit rhombischem Blatt und abgerundet-vierkantiger oder achtkantig facettierter
Tülle30), die für das spätere siebte Jahrhundert charakteristisch sind, und eine Gruppe
ebenfalls achtkantiger Lanzen des frühen achten Jahrhunderts, deren Tülle sich ohne
Absatz in eine lange, nur allmählich verjüngte Spitze fortsetzt31). Das Vorkommen dieses
Übergangstyps noch in einem Reihengräberfeld hat für beide obengenannten Gruppen
chronologische Konsequenzen, die mit dazu beitragen, das Erlöschen der Beigabensitte
im merowingischen Bereich zeitlich genauer zu bestimmen.
Eine Auswahl weniger Stücke des sechsten und siebten Jahrhunderts32) hat genügt, um
die Bedeutung dieses Friedhofs — und damit der zugehörigen Siedlung am Fuß des
Hohentwiels — klar herauszustellen. Derart weitreichende Verbindungen, wie sie bei-
spielsweise in der byzantinischen Münzwaage sichtbar werden, setzen einen ungewöhn-
lichen Reichtum voraus, der nicht in allen Teilen des alamannischen Siedlungsraumes
27) Celacovice, Bezirk Brandeis, Elbe; Grab 34/XXX. Aus dem gleichen Gräberfeld stammt eine
sehr ähnliche Fibel, deren Körpergliederung sogar besser vergleichbar scheint, die jedoch in
der Kopfbildung etwas abweicht (Augen!). IPEK 15/16, 1941/42, Taf. 45, 6 und 8.
28) Beziehungen nach Italien in der gleichen Zeit bezeugt eine silbervergoldete Bügelfibel mit
rhombischem Fuß und spiralverzierter Kopfplatte aus Grab 5, eines der wenigen ostgotischen
„Importstücke“ aus Süddeutschland (Hegaumuseum Singen).
29) Funde dieser Spätstufe sind nur für eine verhältnismäßig kleine Zahl alamannischer Friedhöfe
belegt. In Südbaden reichen die schon mehrfach genannten Gräberfelder von Güttingen und
Merdingen ebenfalls bis in diese Zeit.
30) In Bülach, Grab 301, zusammen mit einer plattierten Garnitur. Werner, Bülach, 134, Taf.
35, 9. Vgl. Veeck, Alamannen, Taf. 72, A 1—4 etc.
31) Die ganze Gruppe erstmals zusammengestellt und besprochen bei F. Stein, Adelsgräber dvs
achten Jahrhunderts, Münchner Dissertation 1961.
32) Datierungsvorschläge für die besprochenen Gräber:
Grab 51: Erste Hälfte bis Mitte des sechsten Jahrhunderts.
Grab 58: Siebtes Jahrhundert.
Grab 70: Siebtes Jahrhundert.
Grab 75: Mitte bis zweite Hälfte des sechsten Jahrhunderts.
Grab 76: Siebtes Jahrhundert.
 
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