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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0215

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Alexander Ecker und der urgeschichtlidie Mensch

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Ein anderes Stück Wurzelgrundes späteren Forschens bereitete im jungen Ecker ein
Mann vor, den die heutigen Studiosi der Prähistorie wohl nur noch als alten Kämpen
ihres Fachs beachten, als einen der Senioren, die mit ihren zeitgebundenen Verwechs-
lungen von Germanisch und Keltisch, Barbarisch und Römisch, Bronzezeitlich und
Eisenzeitlich das junge Volk zum Scherzen herausfordern: es war Heinrich Schreiber.
Gebürtiger Freiburger (geb. 1793) wie Ecker, universalgelehrter Historiker, anfangs als
geweihter Priester Gymnasiallehrer, dann Bibliothekskustos, von 1826 bis 1846 Uni-
versitätsprofessor zu Freiburg i. Br. — erst als Moraltheologe, anschließend Vertreter
der historischen Hilfswissenschaften —, wegen seines Eintretens für die Rongesche
deutsch-katholische Bewegung 1845 vom Freiburger Erzbischof exkommuniziert, im
auf gezwungenen Ruhestand Verfasser mannigfaltiger historischer, kunst- und kultur-
geschichtlicher Schriften, 79jährig im Jahre 1872 gestorben. Der hohe Rang seiner
menschlichen und wissenschaftlichen Persönlichkeit wird am schönsten dadurch bestätigt,
daß er vorbildhaft entscheidend wurde für den Lebensweg Jacob Burckhardts, mit dem
Schreiber ab 1835 in Freundschaft und Arbeit verbunden war (Gustav Münzel 1924). Für
unsere Betrachtung wesentlich ist Schreibers brennendes Interesse für die Zeugnisse des
„vaterländischen Alterthums“, insbesondere zum Ausdruck gelangt in seinem Büchlein
über „Die neuentdeckten Hünengräber im Breisgau“ (1826), worin er die von ihm aus-
gegrabenen Reihengräber vom Schartenacker in Ebringen bei Freiburg i. Br. beschrieb.
Aus einer exemplarischen Einsicht in das Wesen des Menschen betonte er die unumgeh-
bare Wichtigkeit paläanthropologischer Forschungen für die Prähistorie; so fügte er
dieser Schrift die kraniotypologische Analyse der drei Ebringer Schädel bei, welche ihm
der Freiburger Physiologieprofessor Carl August Siegmund Schultze lieferte (eine reiz-
volle typologiegeschichtliche Pointe ist es, daß für einen dieser Schädel Merkmale der
Blumenbachschen „äthiopischen Race“ angegeben wurden). Wie stehen wir Heutigen
beschämt da, wenn wir in Schreibers Klage über die unsachgemäßen Ausgrabungen lesen:
„ . . . am allerwenigsten aber erhob man das Bedeutendste, was Grabdenkmale enthalten
können, was vorzugsweise durch Vergleichung für die Geschichte interessant, oft sehr
wichtig wird; die menschlichen Überreste nämlich.“ Wohl wurde für Ecker auch
die spätere Verbindung mit dem Prähistoriker Ludwig Lindenschmit, der dem im Jahre
1852 gegründeten Römisch-Germanischen Zentralmuseum zu Mainz vorstand, hoch be-
deutsam: aber hier bei Schreiber war bereits die gemeinschaftliche Aufgabe der Kultur-
geschichte und der „historischen Anthropologie“ (Terminus von Rudolph Wagner) vor-
gezeichnet, mit Eckers späteren Worten: der „zwei großen Disciplinen, in die sich das
Wissen vom Menschen spaltet, der Geschichte und der Naturgeschichte“
(Ecker 1866 in der programmatischen Einführung des ersten Bandes des Archivs für
Anthropologie).
Nicht übergehen darf ich die förderliche Wirkung, die Lorenz Oken (Okenfuß) bereits
auf den Knaben Alexander ausgeübt hat. Ecker selbst bekannte mehrmals, daß er diesem
genialen Feuerkopf entscheidende Leitgedanken seines Wissenschaftlerdaseins verdankt,
insbesondere im Hinblick auf die Wichtigkeit der Naturforschung. Später widmete Ecker
dem Gedächtnis Okens eine biographische Skizze (1880). Heutzutage ist es leider üblich,
dem anthropologischen Nachwuchs ein Bild Okens hinzuwerfen, das ihn als unernsten
und wirren Schwätzer verzeichnet zeigt: man vergißt leichtfertig, daß die so fruchtbare
Ganzheitsorientierung in der modernen Naturwissenschaft aus der Naturphilosophie
 
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