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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0227

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Alexander Ecker und der urgesdiichtlidie Mensch

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man ja auch heute noch im sogenannten Naturalismus etwa eines Blechen, Menzel,
Courbet!), so war es doch gerade diese klassische Gelungenheit, welche einen Rattenkönig
heftiger und häßlicher Kontroversen bewirkte. Es ging, kurz formuliert, um die Echtheit
im Sinne der eigenschöpferischen Fertigung im Paläolithikum. Da Lindenschmit (1876)
den Nachweis erbrachte — eigentlich glückte er seinem schulpflichtigen Sohn —, daß
zwei andere Gravierungen der Thayngener Beute Merks von einem Grabungshelfer nach
Abbildungen produziert waren, die der Zeichner Leutemann für die seinerzeit verbreitete
Spamersche Jugendschrift „Die Thiergärten und Menagerien mit ihren Insassen“ (1868)13)
geschaffen hatte, verschärfte sich die Debatte schnell bis zu Invektiven über eine
„Thayinger Schelmerei“, das heißt bis zum unverhohlenen Verdacht, es wären alle
dortigen Kunstfunde, insbesondere das äsende Rentier, moderne Fälschungen. Hier
meldete sich Ecker zum Worte, zuerst in einem Vortrag am 25. September 1877 während
der VIII. allgemeinen Versammlung der deutschen anthropologischen Gesellschaft in
Konstanz, sodann in einem gleich noch auf Diskussionsbemerkungen eingehenden Auf-
satz (1877,1879)14). Daß er „möglichsteObjectivität“ versprach: diese Selbstverständlich-
keit erwähne ich doch, weil er sie tatsächlich bewahrte. Sodann aber erklärte er, „die
Gründe auf beiden Seiten möglichst klar darzustellen“, „die Zeugen ungeschmälert spre-
chen“ zu lassen, überhaupt so zu walten, das niemand merken sollte, nach welcher Seite
er sich neigte. Also ein selbstloses Plädoyer: für wen? Für die Sache! Wer die Gewohnheit
pflegt, in alten Kongreßberichten zu lesen, nicht nur, um die darin verstreut liegenden
Goldkörner der Einsicht zu sammeln, sondern um die Plagen und Wehen vor der Geburt
einer neuen Erkenntnis zum eigenen Nutzen zu diagnostizieren, wird wissen, wie be-
dauerlich selten derartige Parlamentäre der Wahrhaftigkeit sind. Wohl gibt sich mancher
gern das Air des Vermittlers und in Wirklichkeit gießt er öl — nicht auf die Wogen,
sondern ins Feuer. Liest man zuerst die Schluß sätze des Eckerschen Rechenschafts-
Monologes „über prähistorische Kunst“, dann stellt sich Enttäuschung ein. Er ließ das
Problem der paläolithischen Originalität offen; „nicht spruchreif“ lautete sein Fazit.
Ackert man aber mit ihm Punkt für Punkt, Argument nach Argument der von ihm
abgehandelten artistischen, geologischen, technischen und zoologischen „Momente“ der
Urgeschichtsforschung durch, so begreift man nicht nur Eckers Haltung, sondern man
wird sie bewundern müssen. Denn wie tropfenwenig wußte man damals schon! Ich
möchte hier nur auf das „artistische Moment“, das heißt auf die paläolithische Kunst,
eingehen.
Wenn wir heute in einem der vielen Bücher über die Kulturen der Urzeit blättern, ent-
zündet sich unser staunender Blick immer wieder an den Farbtafeln, welche die paläo-
lithische Höhlenmalerei darbieten. Nichts davon war damals bekannt, als das
gemächlich weidende Ren aus dem Keßlerloch bei Thayngen auftauchte. Es wird be-
richtet, daß erst vier Jahre später (1878) Leopold Chiron auf die gravierten Wandbilder
der Höhle Chabot (Gard) aufmerksam wurde (mit der Veröffentlichung wartete er aus
Ratlosigkeit lange), erst im Jahre 1879 sah die kleine Maria, Tochter des Don Marcelino
13) Zitiert nach Lindenschmit (1876). Dort sind auch die gefälschten Zeichnungen neben ihren
modernen Vorbildern reproduziert.
14) Der im Correspondenz-Blatt 1877 abgedruckte Vortrag fehlt im „Verzeichniss“ (1883). Er
müßte in der Bibliographie Eckers aufgeführt werden, weil er nur teilweise mit dem Aufsatz
von 1879 übereinstimmt.
 
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