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Badische Fundberichte: amtl. Nachrichtenbl. für die ur- u. frühgeschichtl. Forschung Badens — 23.1967

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https://doi.org/10.11588/diglit.44899#0292

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Bügelfibel aus Nenzenheim), ist damit nur die heutige Distanz zum damaligen Forschungsstand
gekennzeichnet. Gleichzeitig werden aber auch die Grenzen einer übertragenen Chronologie
sichtbar, die nicht durch zusätzliche, aus dem Arbeitsgebiet gewonnene Kriterien gestützt oder
modifiziert werden kann.
Wichtiger als die Diskussion und eventuelle Korrektur einzelner Zeitansätze erscheint ein kurzes
Eingehen auf die vom Verfasser herausgearbeitete stammesmäßige Gliederung. Ähnlich wie für
die späte Kaiserzeit stellt sich ja auch hier die Frage nach dem Anteil der für das Untersuchungs-
gebiet historisch bezeugten Franken, Alamannen und Bajuwaren (der Versuch einer archäolo-
gischen Festlegung der „Südthüringer“ wird vom Verfasser zu Recht unterlassen). Da sich die
bisher bekannten Fundstellen zu drei mehr oder weniger deutlich voneinander getrennten
Gruppen, und zwar im nordwestlichen, südwestlichen und östlichen Randbezirk des heutigen
Verwaltungsgebietes zusammenschließen, lag es nahe, hierin jeweils den archäologischen Nieder-
schlag einer der genannten Stammesgruppen zu vermuten. Tatsächlich ist hier dank günstiger
geographischer Voraussetzungen eine Trennung möglich, die mit archäologischen Mitteln allein
kaum durchführbar wäre, zumindest mit vielen Unklarheiten und Fragezeichen behaftet bliebe.
So aber erscheinen die zusammengetragenen Indizien schlüssig, wenn auch nicht ausreichend, um
mehr als methodische Ansatzpunkte für Grenzziehungen in anderen, weniger klar gegliederten
Siedlungsräumen zu liefern (etwa für die Abgrenzung von Franken und Alamannen im Ober-
rheintal und in Württemberg oder von Alamannen und „Burgundern“ in der Westschweiz). Bei
prinzipiell vergleichbarer Tracht- und Waffenausstattung — die wenigen, mit Hilfe einiger
Tabellen und Diagramme erarbeiteten Unterschiede der Beigaben- und Bestattungssitte fallen
kaum ins Gewicht — sind es vor allem die nach ihrer Herkunft bestimmbaren „Importstücke“,
Schmuck und Gebrauchsgeräte, deren Verbreitungsbild entsprechende ethnische Folgerungen
erlaubt. So bilden die „fränkischen“ Erzeugnisse, die in allen drei Siedlungslandschaften vertre-
ten sind, im Nordwesten doch die einzigen, in dieser Hinsicht auswertbaren Funde, während im
Raum um Eichstätt (SW) alamannisches, in der Ostgruppe (Regensburg) vorwiegend oberitalisch-
langobardisches Fundgut hinzutritt (dort allerdings mitbedingt durch die besondere Stellung der
Thalmässinger Siedlung).
Die Verteilung der Keramik unterstreicht diese Gliederung und stützt auch — mit gewissen
Vorbehalten — die Interpretation der einzelnen Fundlandschaften als mehr oder weniger
geschlossene Siedlungsgebiete von Stammesteilen (in „aufgelockertem“ Sinn), die mit ihren
jeweiligen Zentren außerhalb des Arbeitsgebietes wesentlich enger als untereinander verbunden
sind. Dabei hebt sich die „alamannische“, d. h. aus Töpfereien des alamannischen Raumes stam-
mende Gefäßgruppe mit Stempeldekor, Rippen oder Halskannelierung deutlich ab, während bei
den „fränkischen“ Formen — wie auch im Oberrheingebiet — die Trennung von Import und
lokalen Nachahmungen auf Schwierigkeiten stößt. Hier können, was nicht Aufgabe des Verfassers
war, auf die Dauer wohl nur Stempelvergleiche und Tonuntersuchungen weiterführen (vgl. die
von R. Lais für den Breisgau nachgewiesene Werkstatt: Bad. Fundberichte 19, 1951, 57 ff.), da
angesichts der oft nur geringen formalen Unterschiede die typologischen Möglichkeiten begrenzt
bleiben.
Im Gegensatz zu dieser erkennbaren, wenn auch vom Verfasser mit Recht sehr vorsichtig formu-
lierten landschaftlicb-stammesmäßigen Gliederung erlaubt der Fundstoff Mittelfrankens keine
Rekonstruktion der gesellschaftlichen Verhältnisse. Dies liegt vor allem am Fehlen größerer voll-
ständig ausgegrabener Friedhöfe, die allein den Versuch einer sozialen Differenzierung rechtfer-
tigen. Auf Zufall mag es auch beruhen, daß bisher keine eindeutig dem alamannischen, fränki-
schen oder bajuwarischen Adel zuweisbaren Bestattungen bekanntgeworden sind; vielleicht lagen
aber auch — anders als in der späten Kaiserzeit (gelbe Bürg!) — die Schwerpunkte nicht mehr
in den Grenzgebieten.
Abschließend ist noch auf die siedlungsgeschichtliche Auswertung einzugehen, die einen für
Regionalbearbeitungen bislang ungewohnt breiten Raum einnimmt. Auf der Grundlage der Ein-
zelanalysen im Katalog versucht der Verfasser mit Hilfe der Ortsnamen die verschiedenen Phasen
des Landausbaus nachzuzeichnen. Dem in großen Zügen gegebenen Entwurf ist dabei unbedingt
zuzustimmen, wenn auch in Einzelheiten das Bild noch unscharf bleibt. Zu Recht wohl sind die
Folgerungen aus der rein archäologischen Hinterlassenschaft zurückhaltend formuliert und zu
Gunsten größerer Sicherheit manche, vielleicht noch mögliche Gliederungen unterlassen worden.
 
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