Universitätsbibliothek HeidelbergUniversitätsbibliothek Heidelberg
Overview
loading ...
Facsimile
0.5
1 cm
facsimile
Scroll
OCR fulltext
zunächst ging, ihren linken Arm ausstreckte, griff sie in die Buchenhecken hinein, und wenn
Samstag, der am andern Ende ging, das gleiche tat, dann konnte er den Binsen ihre braunen
Köpfchen abstreifen. Die Kinder wandelten langsam dahin, und weil die Sonne so freundlich
durch die Bäume schien und der Himmel so blau war und die Vögel so lustig trillerten, fingen
die Kinder zu singen an und sangen ein schönes Lied ums andere.
Nachdem sie eine halbe Stunde weit in den Wald hinein gegangen waren, sahen sie die runde
Wiese von Ferne und in ihrer Mitte die hohe Eiche, gerade wie der Vater gesagt hatte.
Vor den Kindern her flog ein blaues Vögelein, das sie bisher noch nie gesehen hatten. Dann
und wann setzte es sich nieder auf den Weg oder auf einen Strauch und sang so wunder-
süß, daß die Kinder ihres eigenen Singens vergaßen und ganz leise auftraten, um zu lauschen.
Als sie auf die Wiese gekommen waren, flog das blaue Vögelein auf den Wipfel der Eiche,
wiegte sich auf dem obersten Zweig im Sonnenlicht, sang sein wunderschönes Lied zu Ende,
hob sich in die Lüfte und flog davon. Da fingen die Kinder ihr voriges Lied wiederum an,
schritten also über die Wiese und schauten während des Singens nach dem alten Manne aus.
Siehe, da trat er hinter dem Eichbaum vor und stand da und wartete der Kinder. Die Wiese
aber war rings von dichtem Tannengehölz eingeschlossen und hatte keinen anderen Ausweg
als die Straße, auf der die Kinder hergekommen waren.
Singend gingen sie auf den Eichbaum zu; als Mittwoch vor dem alten Manne stand, bogen
die andern um den Stamm herum, Samstag und Sonntag reichten einander die Hand, und die
Kinder gingen im Ringelreihen um den Baum, bis sie das Lied zu Ende gesungen hatten. Dann
blieben sie stehen und Sonntag sprach: Einen schönen Empfehl von Vater und Mutter. Heute
ist Samstag sieben Jahre alt. Wir sind hierhergekommen, wie Ihr befohlen habt. Donnerstag
aber rief: Wir haben Dich eingefangen und Du mußt Dich loskaufen.
Der alte Mann aber sprach: Habt Ihr Euch lieb, Kinder? Da riefen alle eines Mundes: Ja.
Und er fragte weiter: Wollt Ihr Euch immer so lieb haben wie jetzt? Jawohl! riefen alle!
Da schüttelte der Pate sein Haupt und sagte mit ernster Miene: Das wird Euch nicht leicht werden.
Kriegen wir jetzt unser Patengeschenk? fragte Donnerstag.
Ihr sollt es haben, erwiderte der Alte. Drückt Euch jetzt noch einmal die Hände zum
Abschied, so, wie Ihr Euch im Reigen habt. Und jetzt lasset die Hände los!
Die Kinder taten also. Und ach, wie verwunderten sie sich, als sie ihre Augen auf hüben!
Sieben breite Straßen gingen von dem Eichbaum aus. Wie die Strahlen eines offenen Fächers
durchzogen sie den Wald. Jede von ihnen war stattlich und wohlgehalten und spiegelglatt,
und war doch vorher nichts dagewesen als eine runde Wiese, rings vom Wald eingeschlossen.
Die Kinder schlugen in die Hände vor Verwunderung und schauten die Straßen hinaus. Da
war nichts zu sehen als rechts und links der endlose Wald, dessen beide Linien ganz fern
am Horizont in einer Spitze zusammenliefen. Auf der glänzenden Straße aber war weder
Fußgänger, noch Reiter, noch Fuhrwerk zu schauen. So war es bei der ersten und bei der
zweiten bis zur siebten.

15
 
Annotationen