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„Sei still und geh weg von mir!“ winkte Martin ungeduldig. Des verschmitzten Händlers gg
Andeutungen hatten ihm eine sehr unangenehme Gedankenreihe erschlossen. Er wollte den
Mahner los sein. Doch der lange schwarze Schatten ihm zur Seite glitt unbeirrt weiter.
Draußen, im Fahrwasser des Rheins arbeitete der alte Hüne seine Kähne stromauf und an
der Uferhalde schritt sein Schicksal: Das helle, flakrige, von moderner Unzufriedenheit
angekränkelte Bürschchen, seiner Tochter Geliebter und der kühle Dunkelmann, dessen
Unterwürfigkeit nur ein schlechter Firnis ist für die sein Bewußtsein ausfüllende Überzeugung
des eigenen Übergewichts über die Gojim.
An der Schifflände im Altwasser treffen die Drei zusammen. Doegg legt eben seine Kähne
fest und schöpft das eingefallene Sprühwasser aus dem Waidling, als Martin auf ihn zustürzt:
„Nun müßt Ihr uns heiraten lassen, ich hab jeden Monat zwanzig Mark. Das bekomm ich.
Es ist sicheres Geld.“
„Hilf mir schöpfen!“ erwiderte der Alte karg.
„Aber dann redet mit mir!“ bat Martin, und seine Schmiedfäuste, das einzig mächtige an
seiner fast zierlichen Erscheinung ergriffen den an der Wand der Schutzhütte aufgehängten
Ledereimer. „Ihr habt nicht bei jeder Fahrt so viel Wasser bekommen!“
„Die meisten Male faß ich keine ganze Maß,“ nickte Doegg. „Aber steck jetzt bloß aus. Was willst?“
„Ich kann die Vren verlangen. Ihr habt sie mir versprochen für den Fall, daß ich sie verhalte.
Das ist jetzt, denn rechnet selbst: Mit zwanzig Mark und meinem Taglohn können zwei
Leute einen Monat leben.“
„Leugnen will ich das nicht. Aber sag, woher kommt Deine Rente plötzlich hergeschneit?“
„Mir ist’s nicht so unerwartet. Die Kameraden vom Mannheimer Verein haben vielmals
gesagt, der Fabrikherr sei mir für meine Verletzung was schuldig. Von rechtswegen müßte er
sein unendliches Vermögen mit denen teilen, die es für ihn verdienen. Das läßt er schön bleiben.
Was er seinen Arbeitern gibt, sind Spatzenbröcklein.“
Durch das Blätter- und Rankengewirr des Erlenbusches bohrte sich des Schiffers Blick hinaus
in die stolze, wilde, sonnendurchglühte, heiß atmende Landschaft. Gold, Blut, Waffenglanz
und Frauenschönheit sah er schwebend über der Sponeck Ruinen. Vergangen! — Nun ist in
die zertrümmerte Feste eine Wirtschaft eingebaut mit Bier vom Faß und einer Fahne. An
Sommersonntagen ziehen Leute hinaus mit Kindern und Familienhunden.
Der letzte der aussterbenden Enakskinder ordnete seine Gesichtszüge zu jener Mischung von
Jovialität und Tücke, die er sich in seinem „dritten“ Leben angewöhnt. Er fragte Martin:
„Aber dankbar wirst Deinem Fabrikmeister doch sein?“
„Kein bischen. Warum sollt ich? Zufrieden geb ich mich, wo ich mehr verlangen könnt,
Das ist schön von mir.“
„Ich hab vor fünfzig oder mehr Jahren einen Buben gekannt, der war anders als Du.“
„Aus Euren alten und gar alten Zeiten laß ich mich nicht belehren. Heutzutage ist neue Mode
anders.“
 
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