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„Nein, Eure Tochter und ich haben kein Wort miteinander geredet, seitdem ich mir die Pension gy
verschafft. Der Abschied ist mein letztes Gespräch mit ihr gewesen!“
„Brav, Marti, das freut mich von Dir. Wenn Du hättest wollen über’n Zaun springen, wo er
am niedersten ist, wärst zum Maitli gelaufen, nicht zum Vater.“
Doegg schüttelte des Burschen Hand, der vor Vergnügen über das Lob ordentlich rot anlief.
Aufschauend begegnete er dem Blick des Juden, der wissend blinzelte.
Das dämpfte Martins Freude, indem es ihm klar machte, warum er nicht zuerst zur Veronika
gelaufen war. Wie würde die ihn ausgefragt haben über woher und wieso des neuen
Einkommens. Wie glimpflich war das beim Vater abgegangen. Ein paar von seinen welt-
fremden, altmodischen Redensarten über Dankbarkeit und Handwerk mußte man ja in den
Kauf nehmen — die blieben nicht aus; aber gut war es, daß er sich nicht erkundigte, für wie
lange Zeit diese Rente ausgesetzt worden sei.
„Komm mit heim, Marti“, sagte der Schiffer, „meiner Vren gekochtes Mittagessen wird wohl
Dich auch satt machen.“
„Mich ladet Ihr nicht ein?“ fragte der Händler und fügte bei: „Für einen armen Juden ist
nirgends gedeckt als wo er in den Sack langt und Geld herauszieht. Gott das Geld, das er so
herb verdienen muß und ihm so leicht fortrollt.“
„Daß nicht auf allem Geld Segen ruht, wissen die Leute allenfalls, aber das merken sie nie,
daß sogar im ehrlich verdienten Geld ein Unterschied ist. In Schweiß und Schwielen liegt
der meiste Segen. Man wird nachsichtiger und fröhlicher, wenn man jeden Abend gründlich
müde ist.“
„Der Herr Doegg errät es. Niemand ist müder als der arme Jud, der Laban.“
„Tu nicht, als ob Du mich begreifest. Dein Leben lügt. Du verläugnest Deinen Reichtum,
damit er nicht kleiner wird, sondern wächst . . .“
„Reichtum!! Ich!!!“ Der Händler schrie es ordentlich entsetzt und war im Nu, wie gejagt,
im Gebüsch des Uferpfades verschwunden.
Doegg lachte. Es war ein kurz abgebrochener Ton ohne Nachhall, dem — so schien es —
die heiße Mittagstunde die Hand auf den Mund gelegt hatte. Der Jude Laban und der
letzte Schiffer vom Sponeck hatten etwas Gemeinsames. Jeder dachte, er kenne den andern.
In der Tat aber überlistete nur einer den andern.
— Diesmal wich der Jude dem Wort des Christen, aber zwei Monate später kam zum Doögg
ein Giftpfeil zurückgeflogen, der ihn ins Herz traf.
Das begab sich folgendermaßen:
Der Martin war Hochzeiter mit der Vren. Das Mädchen — so fanden wenigstens die Burk-
heimer — hätte lustiger drein schauen können als es tat. Immer frägelte es am Marti herum:
hast noch keine Stelle? oder drängelte: fang doch da eine Schlosserei an. Laß Dir das
Waschhaus zur Werkstatt umbauen.

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