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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0033
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Betätigungsfeld. Zum „Schwarzwald“ Jensens gibt Lugo über zwanzig großempfundene Zeich-
nungen, die leider durch den Tonschnitt viel von ihrer Größe und ihrem Schwung eingebüßt
haben.
Die große Befreiung erfolgt in München. Die altdeutschen Meister mit ihrem glänzenden und
blühenden Kolorit, mit ihrer Feindschaft gegen alle Unbestimmtheit und mit ihrer sichern Tief-
räumigkeit, die helle Chiemgaulandschaft und die in sich gefestigte Sicherheit seines ganzen
Wesens entfesseln die letzten Möglichkeiten. Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts,
das auch das letzte Jahrzehnt seines Lebens ist, gibt Lugo die volle, so lang und so ernst
gesuchte Herrschaft über alle technischen Mittel. Der bedeutendste deutsche Landschaftsstilist
steht ebenbürtig neben dem bedeutendsten Figuristen: Lugo neben Feuerbach.
Mit den drei Grundfesten der bildenden Kunst: Form, Farbe und Raum, seines sichererarbeiteten
Könnens komponiert er jene wundervollen episch wirkenden Bilder, die in ihrer symphonischen
Fülle und Klarheit das Auge jedes Kenners entzücken. Der letzte Rest von Genre als Staffage
ist ausgetilgt. Die Figuren treten in den landschaftlichen Organismus als Träger von Farben,
die den Akkord voller erklingen lassen. Sie wirken im Sinne der menschlichen Stimme in der
g. Symphonie Beethovens. Jubelnd feierlich werden die Töne. Des Handwerklichen, das Lugo
allzeit aufs höchste geschätzt und hart errungen hat, ist er so sicher, daß seine Hand jede
Stimmung zum Ausdruck bringen kann. Feierlichkeit ist der Grundzug der Werke ganz
besonders in seiner letzten Zeit. Es ist, als wäre ihm jeder Arbeitstag ein Feiertag, jedes
Werk ein Gottesdienst gewesen. In jedem seiner Bilder sehen wir sein Glaubensbekenntnis
von der Größe, Heiligkeit und Erhabenheit der Natur.
Er ist so sicher in den Darstellungsmitteln, so eins mit der Natur geworden, daß er durch die
innige Liebe, mit der er den kleinsten Pflanzenstengel fühlt, lebt und bildet, doch volle und
reiche künstlerische Wirkungen erreicht, und daß er trotz des „strengen verliebten Details nach
der Natur“ doch groß und mächtig spricht. Die tonigen Lithographien der letzten Jahre, wie
Chiemsee, Campagna u. a. bieten alle Reize zeichnerischer und malerischer Kunst.
Jetzt, in der vollen Reife seines Könnens, rauschen die Töne seiner Jugend noch einmal in
mächtigen Akkorden auf. In den Bildwerken „Dur und Moll“, in „Orpheus“, in der „Sinfonia
pastorale“ schafft Lugo malerische Leistungen, mit denen er seinem innerlichsten Erfülltsein
von Musik den Tribut bezahlt, in denen er andererseits aber auch seine mächtige aus dionysischen
und apollinischen Elementen gebärende Kraft dokumentiert. Auch in diesem Punkt schließt
sich Lugo der Kunst Böcklins und Thomas vollwertig an.
In diesen letzten Werken seiner Hand fühlt der Beschauer die volle Freiheit künstlerischer
Gestaltungskraft. Daher wirken sie zeitlos, wie ewige, tief erlebte Wahrheiten. Sie sind Zeugnisse
für die Entmaterialisierung des Stoffes durch den Geist des Künstlers. Der Stil Lugos liegt
also darin, mit technischen Mitteln geistig-seelische Wirkungen zu erzielen. In seinem Werk
verweben sich technische und dichterische Werte zu untrennbarer organischer Einheit. Er ist
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