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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0067
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„Was war das?“ fragte sich der Urbanshofbauer in der Stube. Aber als er sich endlich vom 61
Mittaglager erhoben hatte, sah er keine Spur ungewöhnlicher Vorgänge mehr. Er schaute zum
Nachbarhof, zum Besitztum des Hasenmartibauern, und konnte dort gleichfalls nicht Grund
zum Lärm finden.
„Cordula!“ rief er, zur Tür gewendet.
„Vater!“
Ein Mädchen mit Augen wie Flachsblüten und so stramm und groß wie der Bauer selber
öffnete die Tür bei dem Wort, ließ das lange blonde Haar weiter durch die Finger gleiten und
flocht dicke Zöpfe, deren einer schnell über die schneeweiße Unterkleidung herabhing.
Cordula war eben beim Sonntagsputz, wenn außer dem Vater auch niemand da war, ihn zu
bewundern.
Den er noch hätte erfreuen können, den Sohn des Hasenmartibauern, der kam nicht mehr
zum Besuch herüber. Ebensowenig durfte sie ihre Schönheit noch zu ihm, zum Servatius, und
seiner Sippschaft tragen; denn Cordulas Vater meinte, Servatius sei seit der Rückkehr vom
Militär ein Stolzhans geworden. „Er hett d’r Krattel“ und solle erst in aller Form bitten
kommen um Cordula und nicht mehr tun, als dürfe er die ganze Welt kommandieren, sonst
bleibe sie daheim, bis ein anderer um sie anhalte. Servatius hingegen meinte, einer wie er
dürfe gleichfalls noch nach einem reicheren Erbe schauen.
„Ich hab um Cordula angehalten beim Heue, und wenn ihm das nit genügt, betritt ich seine
Schwelle nit mehr!“
Der Urbanshofbauer hatte darauf keine andere Antwort gehabt als: „Wenn er meine Schwelle
nit betrete will, so mag er zu mir fahre oder reite, wenn er Dich lieb hett! Ein rechter Lieb-
haber wird der Weg schon finde!“
Bei diesem Bescheid war es geblieben bis zu diesem Augenblick, in dem Cordula wieder vor
ihrem Vater stand.
„Was isch drauße?“ forschte er.
Cordula richtete fragend die Augen auf ihn. Was er denn meine?
Er habe im Halbschlaf Lärm gehört, als trabe ein Stück lebende War’ vorüber.
„Ich hab keine gesehne, keine lebende Hab’! Von wo soll sie erscheine? Von drübe?“ setzte
sie hinzu, als der Urbanshofbauer nach dem Nachbarhof sah. „Von drübe wird keine lebende
Hab’ kumme, so wenig wie Mensche!“
Das wolle er nicht wissen, wetterte der Bauer los. Er habe nur hören wollen, ob in Haus
und Hof Ordnung herrsche oder die ganze Wirtschaft drunter und drüber gehe, sobald er sich
nur ein Weilchen aufs Ohr lege. Auf Weibsleute sei ja freilich nie und nirgends Verlaß.
Cordula redete halblaut etwas von Träumen, steckte den mittlerweile fertiggewordenen Zopf an
und ging hinaus, ihre Kleidung' rasch zu vervollständigen und der Vorsicht halber doch einen
Blick in den Stall zu werfen.
 
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