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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0084
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aber lachte nur und meinte: „Du wirst schon sehen.“ Aber den ganzen Tag benahm sie sich
wie jede andere Blume, so daß Kwi-di-witt diese Bedingung erst recht für Scherz hielt und
glückselig einschlief.
Am anderen Mittag wollten sie abreisen. Als aber Fink Kwi-di-witt gerade vom Wassertrinken
zu ihr flog, es war um die heiße Mittagstunde, erblickte er sie ganz zitternd und gierig dastehen.
Eine kleine Fliege war zu Besuch gekommen, die auf einem ihrer seltsam geformten Blumen-
blätter wippte. Die Orchidea sah Kwi-di-witt gar nicht an; sie lockte die Fliege und sang mit
süßer Stimme:
„Nur näher, süßes Flieglein, da innen ein Tellerlein
Von Honiglein ist dein, nur dein.“
Natürlich kroch die Fliege hinein, und da sagte die Wunderblume eiskalt: „Süßes Flieglein,
nun fpeß ich dich.“
Da schrie Kwi-di-witt vor Entsetzen auf: „Laß los, lasse sofort los, du bist doch eine Blume!“
„Aber, mein liebes Kwi-di-wittlein,“ sagte die Orchidea zärtlich und vergnügt, „Vögel essen
auch Fliegen!“
„Aber du bist doch eine Blume, laß los, du quälst sie,“ schrie er wieder, „ein Vogel schlingt
sie hinunter, du aber saugst ihr das Herzblut aus, laß looos!“
Da sang die ungeheuer fröhliche Orchidea:
„Zwar hab’ ich kein Netzlein,
„Kein Schnabel wie’s Schätzlein,
„Doch ich locke die Fliege
„Damit ich sie kriege,
„Auf meine Weise;
„Ganz süße und leise
„La La La !“
„Hör auf“, stöhnte Kwi-di-witt, fassungslos.
„Gelt, du jagst mir immer Fliegen her,“ bettelte die Orchidea. „Deshalb bin ich ja die Wasser-
blume,“ sagte sie ganz stolz, „das was ich kann, kann nicht jede Blume. O, wie fein hat’s mir
geschmeckt, mein Kwi-di-witt!“
Da war es aber mit des Vogels Geduld aus und vorbei. Trotzdem ihm beinahe das Herz
brach, schrie er ihr laut ins Gesicht: „Gehab’ dich wohl, ich will dich nicht! Du bist die größte
Enttäuschung meines Lebens!“ Und damit flog er schnell davon.
„Schade,“ sagte die Orchidea, „ich hätte gerne die Reise mit ihm gemacht.“ Dann fing sie mit
einem Herrn Libellerich ein sehr unterhaltendes Gespräch an und vergaß für immer den Vogel
Kwi-di-witt.
Der aber meinte zuerst, er müsse sterben vor Herzeleid; und wenn er nicht furchtbares Heim-
weh bekommen hätte, wäre er am liebsten gleich gestorben, so groß war sein Entsetzen und
 
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