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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0098
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EBMANNS „HOHE ZEIT“ Ein Stimmungsbild vom
Kaiserstuhl Von Pauline Wörner. „Bum! Bum!“ „Rrrtsch!
Rrrtsch!“ Großvater David — vor kurzem hat er als neunzigjährig in der Zeitung
gestanden — legt die wie aus Erde geformte Runzelhand hinter die Ohrmuschel, tappst nach
der sein An wesen vom Nachbargehöft trennenden, aus Feldsteinen und Erdreich aufgeführten
Mauer, indem er sagt: „Was machen des Beisen?“
„In allem Schaffen sind sie eher (früher) als Meine. Sie räumen, wahrhaftig, die Trotte (Kelter)
ab, bevor man weiß, ob Herbst ist. Ich hör Holzklötze und Rebwellen schmettern und raspeln.“
„Am Samstag Abend mag’s das bei den Unsern mit der Zeit nicht geben.“
„Gut wär’s, sie täten’s den Nachbarn nach“, fährt er fort und tastet sich — den Stiel einer
Hacke als Gehstock benützend — der Scheune zu, in deren dichter Kapuze aus Weinranken
der Wind spielte.
„Auf ’m Ratszimmer machen jetzt die Mannen den Herbstanfang aus. Lang können sie’s nicht
mehr anstehen lassen. Daß die Trauben im Abgang sind, sieh ich an meiner Landre (Spalier)“,
er blickt prüfend in die Höhe, hebt den Arm und knipst eine Beere weg, die er in den Mund steckt.
„O wie süß, wie mehr als süß! Besser als so eine Traube ist doch nur ein Ding in der Welt:
der Wein, wo draus gekeltert wird! Wenn die Färbtrübel*) schon so schmecken, was für eine
Pracht muß erst im Feld “
„Großvater,“ wird er unterbrochen, „wißt Ihrs schon? Am Dienstag ist Herbst!“
„Ah, ich freu’ mich auf den Wein. Der soll mich nach den sauren Jahrgängen gut dünken!
Seit anno 93.“
Wieder hört er auf zu reden, denn da wimmelt’s in den Hof herein. Die Mutter mit den
Töchtern, der Vater und sein Sohn, der eben gerufen. Die Frauen, zusamt dem jungen Mann,
in dessen Augen noch der Glanz der Brausejahre flammt, kommen aus den Reben; der Haus-
herr mit einer Schattierung Wichtigtuerei, als Ratsmann von der Versammlung, die soeben den
Beginn der allgemeinen Weinlese festgesetzt.
Man redet aufgeregt durcheinander.
„Die Reben sind im ganzen Bann schön, aber von den Schönen die Schönsten haben doch
wir. Nirgends Blattfall, keinen Äscherich (Oidium).“
„O Großvater, die sind einmal waldig!“
„In der Leire bekommen wir drei Ohm (ä 150 Liter) vom Mannshauet (J/g Juchart) Reben!“
„Das Schätzen laß bleiben! Denk ans Vorjahr“, warnt Vater Dieter bedeutungsvoll. Doch der
Sohn verharrt drin:
„Passet auf, der Ertrag schlägt vor, dann zürnet Ihr’s nicht. Rüstet nur genug Faß!“
In dem von Luft und Wind verwitterten Gesicht des Vaters legt sich eine Denkerfalte:
„Brauchen wir das Zwanzig-Öhmige, das seit elf Jahren leer steht? Für alle Fälle laß ich’s


f) Späte dunkle Traubensorte.
 
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