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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0100
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Die Laden der Kellerfenster flogen zurück. Die Dollbütten, Fuhr- und Tragbütten wurden zum
Dichten, „Verschwellen“ nennt man’s, ans Licht geschafft. Den Krahnen der Leitung entströmte
das Wasser und die Pumpenschwengel der alten Ziehbrunnen ächzten. Die Küfer in Schaft-
stiefeln und Schurzfell, den Hammer im Gurt und in der Hand die „Stize“ eilen von Gehöft zu Gehöft.
In den Schmieden arbeiten die Blasebälge. Gesellen mit rußstreifigem Gesicht hämmern Reife
und Stifte in locker gewordene Faßtüren. Ströme von Pech sieden, um dem Eisen die Be-
rührung mit edlem Rebensaft zu wehren.
Mitten im Pochen und Hämmern, im Laufen und Reden, dem lustigen Pfeifen und zornigen
Brummen sitzt schon hebt die Turmuhr zu zwölf Glockenschlägen aus David, der
Neunzigjährige, auf seiner Bank.
Was treibt er da hinten in den Wirtschaftsgebäuden?
Er wartet.
Mit der Gelassenheit eines Mannes, der nichts zu versäumen hat und mit der Klugheit eines
Weltweisen, der drei Menschenalter sah und beurteilen lernte, wartet er, daß die Jugend ihre
Pflicht tut. Warum stampft er nicht den Boden, um die Enkel anzutreiben, die nicht hören,
was er hört, das dumpfe Dröhnen und Stöhnen der noch älteren, der Kelter nämlich, die
erwachend sich reckt und an ihren Banden zerrt. Er leiht ihr keine Worte. Wozu auch?
Der Jugend fehlt die traurige Geduld, Haß und Liebe lange zu hegen. Aber bei schier gar
hundert Jahren, was ist da noch wichtig genug, Unruhe zu machen? Der Verfalltag eines jeden
vom Leben ausgestellten Wechsels kommt ohne eigenes Zutun. Man braucht ja nur zu warten.
Nicht mehr lange! Für die Kelter ist er da.
Unters Vordach, wo sie, dicht an die Feldsteinmauer gedrückt, dämmert, nickt David seiner
Freundin zu, ihr der Ruhenden, die bald des Hofes Regentin, sein Angel- und Brennpunkt
sein wird.
Ist’s nicht, als atme sie in dieser dunklen Mitternachtsstunde tief auf, als verändere sich im
Dornröschenschlaf ihre Physiognomie? Um sie her ist ein unnennbares treibendes Etwas . . .
das man nicht sieht . . . nur fühlt. . . .
Was solch eine Trotte elf Jahrmonate treibt? Auch im Zustand der Starrheit ist sie ganz
nützlich, aber in einer Art, von der sie sich, erwachend, schaudernd abwendet, als einer mit
ihrem wirklichen Wert und hochgemuten Wesen nicht vereinbaren.
Sie beherbergt, je nachdem: Holz, Futterrüben, Krautköpfe, oder heimlich brütende Hühner und
deren Nester. Auf der Trotte suchen die Bewohner alles, was im Hause abhanden gekommen.
Die jungen Katzen und des Kindes Schnuller; zerbrochenes Geschirr, altes Eisenwerk und
verlegte Schlüssel. Selbst wenn mans nicht wieder findet, vielleicht ist’s trotzdem dort. Es kann
„hinten hinunter gefallen sein“ und wird zweifellos einst zu Tage treten, sei es auch erst im
neuen Wein. — —
„Ja, ja, der Rebensaft ist ein Geselle, den keiner mit dem Handgelenk wegschnellen kann. Wo
er sich eingenistet, treibt er sein Wesen gut oder bös je nachdem, aber wunderlich
 
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