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Badische Kunst: Jahrbuch d. Vereinigung Heimatliche Kunstpflege, Karlsruhe — 3.1905

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https://doi.org/10.11588/diglit.52694#0109
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Die erwachten Keltern arbeiten. Anstatt dem Raunen und Flüstern der sich reckenden, plaudert 103
das freundliche Plätschern der Weinbächlein über die Auslaufschaufeln.
David, der Patriarch, zählt und wertet mit den Blicken die Trauben, die seiner Freundin zur
eisernen Umarmung überliefert werden.
„Rißling und Graue, die Edelsorten sind schön reif, alle Beeren dünnhäutig.“
„Elben und Moster, was für eine Pracht! Mir denken Jahre, wo man keinen einzigen von den
Tafeltrauben gesehen hat. Daß die geraten sind, freut besonders die Weibervölker. Sie gehen
zu Markt damit und schaffen sich vom Erlös etwas Gewebtes an in die Haushaltung.“
„Glöpfer, ihr Ausgiebigen, ihr seid die letzten, die den Rebmann im Stiche lassen! Wenn ihr
fehlt, ist es bös! Ein Jahr weiß ich, da hab ich aus all meinen Reben blos meine Kappe voll
Trauben heim. Zehn Stück Glöpfer. Wenn einer die armutselige Zeit miterlebt hat, reißt’s
ihm heutzutag nicht ab mit Loben und Rühmen. . . .“
„Nächste Woche ernten sie den Achkarrer, da will ich . .
Was er wollte, blieb unausgesprochen, denn der hünenhafte Küfer und Unterhändler Hans Jakob
trat mit einem haarbuschigen, leberkrank aussehenden und mit nervöser Hastigkeit sich ge-
bärdenden Männchen herzu.
„Ich kaufe Wein, Wein kaufe ich — Süßen, denn warum? Kann ihn brauchen so, kann ihn
nicht brauchen vergoren. Kirchweihkuchen und Süßkretzer wollen die Wälder.“
„Verkostet Herr“, sagt Dieter, dessen vornehm wirkende Bauern-Gelassenheit ihm ein Übergewicht
sichert, dem quecksilbrigen Galgenmännchen gegenüber, dem er nun ein leeres Glas reicht, es
ihm überlassend, an welchem Bottich er es sich füllen will.
Während der gelbe Wicht, Gesichter schneidend, hüpft und nickt und sich verschwört, der
Wein sei zu süß, wie Himbeersaft, für den viel zu bezahlen, traue er sich nicht, hat sich der
Hausherr mit dem Küfer verständigt.
„Zum Süßtrinken auf einer Wälderkilbe (Kirchweih) ist mein Wein zu gut gewesen — sonst,
da tut’s ein Geringer.“
Hans Jakob nickt: — „sonst. . . . Aber es steht schlecht mit der Nachfrage. Wenn du Geld
willst, oder nicht Faß genug hast . . . ich rate dir . . . machen kannst, was du willst . . . ich
an deiner Stelle gäb ihn . . .“
„Dank dir. Auf den höchsten Preis stell ich mich nicht . . .“
Der Handel wird abgeschlossen, obschon Großvater David sehr dagegen ist. Er mißt das ge-
lenkige Käuferchen mit geringschätzigen Blicken. Eine fremde Linie gräbt sich rings um den
eingesunkenen Mund, ein menschenfeindlicher Ausdruck, der auf diesen klugen, vertieften Zügen
vordem kein Heimatrecht besessen: „Das sag ich dir, Dieter, den Ihringer und den Roten, den
gibst nicht unterm Preis. . . . Lieber — weißt was — trink ich ihn. ... In so einem Handel
muß der Rebmann den Charakter pflanzen.“
 
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